Folkeboot Lotte

ein halbes Jahrhundert auf der Ostsee

01
Nov
2017

LOTTE und Herwart

Genau wie im letzten Jahr, so wollte auch dieser Oktober nicht so richtig golden werden. Immerhin hatten wir im vergangenen Jahr noch einen perfekten Törn über das lange Wochenende mit dem Tag der deutschen Einheit, aber in diesem Jahr klappte nicht einmal das: Ein Kurztrip zum Fischbrötchen essen in Langballig war das Maximum.

Seit dem waren wir jedes Wochenende auf dem Boot, aber an allen Samstagen wollte das Wetter nicht – Dauerregen, Dauerflaute, Starkwind oder Sturm luden nicht zum Segeln ein.
So unfreundlich die Samstage auch waren, die meisten Sonntage machten ihrem Namen alle Ehre, und so genossen wir jeweils ein paar Stunden auf der Bucht.

Da es mit dem ersten langen Wochenende im Oktober schon nicht geklappt hatte, hofften wir auf das zweite; durch den einmaligen Feiertag zum 500. Jahrestag der Reformation wollten wir noch zwei Tage segeln, bevor LOTTE dann am 30. Oktober aus dem Wasser sollte.

Gut gelaunt machten wir uns am Freitag, den 27.10., mit dem Trailer auf den Weg nach Norden und Wackerballig empfing uns mit einem grandiosen Sonnenuntergang. Zu diesem Zeitpunkt warnten alle Wetterberichte vor Herwart, einem ausgedehnten Sturmtief, dass im Bereich der westlichen Ostsee Starkwind und Sturmböen bringen sollte. Für uns sah es also wieder nach dem bekannten Phänomen aus: Samstag Starkwind, Sonntag segeln.

Im Laufe der Nacht wurde die Progonose aber geändert und plötzlich war nicht mehr von Starkwind mit Sturmböen die Rede, jetzt hieß es Sturm mit Orkanböen. Während das Wasser schon das Weite suchte, halfen wir alle im Wackerpulco: Tische und Stühle mussten von der Terrasse und, wegen des bevorstehenden Saisonendes, auch gleich auf den Dachboden.

Im Hafen lagen nur noch wenig Boote, aber außer Ike, dem Nachbarboot von Lycka und uns schien sich niemand wegen des drohenden Sturms Gedanken zu machen… Wir brachten auf jeden Fall zusätzliche Leinen aus, verstauten die Fock unter Deck und bauten die Persenning ab. Als Karin dann nach einem langen Arbeitstag abends nach Wackerballig kam, war nicht nur ein leckeres gemeinsames Essen fertig, LOTTE und Lycka waren auch mehr oder weniger sturmfest. Die Spitze des Sturms war für 5Uhr Sonntagmorgen prognostiziert und so gingen wir alle relativ früh in die Koje.

Gegen Mitternacht wurde das Heulen draußen lauter, gegen 2Uhr warf uns Herwart wortwörtlich aus der Koje. LOTTE krängte mehr als 20Grad, schaukelte wie verrückt und warf sich in ihre Festmacher. Durch ein mir unerklärliches Phänomen machte das Boot eine Vor- und Rückwärtsbewegung, die jeweils mit einem harten Ruck durch die Festmacher und Springs gestoppt wurde. So ging es nicht weiter, wir mussten raus.

Draußen heulte der Nordwest und bildete einen so starken Schwell im Hafen, dass man kaum von Bord kam. Wenn einer es schaffte den richtigen Moment abzupassen, dann musste er nur aufpassen durch den Wind nicht gleich vom Steg geworfen zu werden. Nachdem wir die Leinen von LOTTE neu eingestellt hatten, machten wir einen Gang durch den Hafen und merkten: den meisten anderen Booten ging es viel schlimmer. Auch wenn nicht mehr viele im Hafen lagen, so nagten doch bereits einige Anker, Bugkörbe oder Rümpfe am Steg.

Zusammen mir Ike, den es mittlerweile auch aus dem Bett getrieben hatte, sicherten wir alles so gut es ging und zogen uns dann wieder auf unsere Boote zurück – dort hatten wir wenigstens etwas Schutz vor dem Sturm und dem Regen. Die nächsten Stunden wechselten wir zwischen drinnen und draußen, zwischen Boot und Steg. Trotz des starken Nordwest stieg nämlich das Wasser wieder, und so mussten wir unsere Leinen alle halbe Stunde anpassen.

Irgendwann fingen unsere Augen an zu brennen und wir stellten fest: Von oben kam nicht nur Regen, die Luft war voll von Gischt. Ein kurzer Blick auf die Website von Nordwind e.V. zeigte aktuelle Böen von 12 Windstärken in Gelting-Mole und Sonderborg. Als dann quälend langsam der Morgen zu dämmern begann, sahen wir eine Wasserwand an der Nordmole. Die Wellen stiegen dort meterhoch und der Orkan trieb die Gischt über den Hafen. Als wir gerade auf einer Runde über die Stege waren, scheuerte sich auf LOTTE eine Spring am glatten Draht des Steuerbordwants durch und gab den Weg nach vorne frei – die nächste Vorwärtsbewegung wurde dann leider erst durch den Steg gestoppt.

Der Schaden hielt sich aber in Grenzen, vor allem verglichen mit einigen anderen Booten. Hier waren viele der Festmacher nicht durchgescheuert, sondern einfach gerissen. Ich werde nie verstehen, wie man einen Wert wie ein Boot mit geflickten, morschen oder hoffnungslos unterdimensionierten Leinen sichern kann. Ich wünschte mir, dass in der Nacht mehr Eigner in Hafen gewesen wären, sie würden ihre Boote in Zukunft mit Sicherheit etwas besser schützen.

Als die Sonne endlich aufgegangen war, nahm der Sturm ein wenig ab und wir hatten die Zeit für einen Kaffee und ein gutes Frühstück auf Lycka. In der herrlichen Morgensonne konnten wir dann auch ein paar Bilder mit der richtigen Kamera machen – hier zeigte sich Herwart von seiner schönen Seite. Gegen Mittag ging der Sturm dann merklich zurück und jetzt schwappte auch das Wasser wieder in die Bucht – zum Teil kamen die Wellen sogar zwischen den Stegbohlen hindurch nach oben.

Leider musste Karin am Montag arbeiten und so veraschiedete sie sich am Nachmittag – Ike, Robbi und ich verbrachten das Saisonende im Wackerpulco, wo am letzten Abend der Saison noch einmal alle Tische belegt waren.

Am Montag war es zwar schneidend kalt, aber es herrschte bestes Segelwetter. Während wir  den kurzen Trip nach Gelting-Mole unter Motor machten, setzte Ike die Segel und verholte Lycka in ihr Winterlager in der Schlei. Das Kranen ging gewohnt problemlos, und so stand LOTTE nach kurzer Zeit auf ihrem Trailer und wir konnten sie mit Werners Hilfe nach Grauhöft in die Werft bringen.

Da wir viel schneller als Ike an der Schlei waren, konnte ich sogar noch in Maasholm zu ihm an Bord kommen, und die letzten Meilen bis Grauhöft auf Lycka genießen. Danach machten wir alle unsere Boote klar, bevor es dann nach Gelting zum traditionellen Saisonende mit Volker beim Griechen ging.

Am Dienstag war dann nicht mehr viel zu tun, nachdem wir die Koje abgebaut und gefrühstückt hatten, bekamen wir noch einen Besuch von Jo und besprachen die anstehenden Arbeiten in der Werft. (Vielen Dank nochmal für Deinen Besuch trotz Feiertag!)

Jetzt steht unsere alte Dame bei Stapelfeldt und wartet auf ein paar Reparaturen, aber dazu mehr nach unserem kommenden Urlaub.

Mit der Rückkehr nach Hamburg, einigem Räumen und den ersten fünf Waschmaschinen endete die Saison 2017 – die längste Saison seit LOTTE in der Familie ist, wir waren seit Ostern im Wasser und gingen erst am 30. Oktober wieder an Land.

Für mich war dieses Jahr eines der schönsten überhaupt, zwar sind wir gefühlt relativ viel an Bord aber selten unterwegs gewesen, aber ich konnte endlich Robbi die Schären zeigen und damit haben wir ein Traumziel für 2018!

Kategorien: Törns, Winterarbeit