Folkeboot Lotte

ein halbes Jahrhundert auf der Ostsee

Ein schöner Abend (3/VIII Fortsetzung)

Der Regen blieb bis zum späten Nachmittag. Immer wenn es mal eine kurze Pause gab, und wir hoffnungsvoll unsere Nasen aus der Kajüte steckten, zogen schon die nächsten dunkeln Wolken heran und so schafften wir es nichtmal trocken zur Toilette und zurück.

Gegen Abend war der Spuk dann ganz plötzlich vorbei, und so zeigte sich direkt nach der letzten schwarzen Wand die Abendsonne. Sofort spürten wir ihre sommerliche Kraft und so waren Deck und Cockpit schnell trocken – wir konnten endlich die Enge der Kajüte verlassen.

Mit den kostenlosen Rädern ging es zum Kaufmann – Zutaten für einen leckeren Auflauf besorgen und ein wenig Bewegung. Zurück an Bord zeigten sich schon die ersten Anzeichen des Sonnenuntergangs, aber dafür hatten wir keine Zeit: schnippeln, schichten und backen war angesagt. Die Anschaffung des Omnia war die beste Idee seit langem, mit frisch gebackenen Brötchen beginnt ein Tag gleich doppelt so gut und die Vielfältigkeit der abendlichen Gerichte kennt kaum noch Grenzen.

 

Hafentag (4/VIII)

In der Nacht kam der angekündigte Wind und mit ihm auch wieder Regen. Den ganzen Vormittag heulte es im Rigg und alle halbe Stunde gab es einen Platzregen. Gegen Nachmittag erreichten die Böen eine Stärke von 8Bft., das war an der Heckboje nicht mehr angenehm… Nach Rücksprache mit dem Hafenmeister verholten wir uns längsseits an den Schwimmsteg und hatten einen perfekten Platz.
So verging der Tag mit viel Nichtstun – wir sortierten Bilder, schrieben Blog und warteten auf einen längeren Moment ohne Regen, in dem wir für das Abendessen einkaufen konnten. Da es immer wieder zu schütten begann, entschieden wir uns gegen das Kochen und kauften ein Fertiggericht für den Ofen in der Seglerstube.

 

Ein schneller Aufbruch (5/VIII)

Trotz der Böen und Regengüsse war die Nacht relativ ruhig. Wir nutzten Sonne und Wind, trockneten unsere Segelklamotten und lüfteten unsere Polster. Da dabei die Kajüte so schön leer war, konnten wir auch gleich putzen und aufräumen – es sammelt sich halt einiges an Schmutz auf so einem Törn.

Nach einem kurzen, aber extrem heftigen, Schauer machten wir uns mit den Fahrrädern auf, die Gegend zu erkunden, und radelten entlang der Küste gen Hadsund. Als wir nach einiger Zeit, vollbeladen mit einem Großeinkauf, wieder zum Hafen kamen, hatte der Wind etwas nachgelassen und die Sonne schien – eigentlich der beste Moment zum Segeln. Als wir noch am Diskutieren waren, trafen wir auf zwei unserer Nachbarn und nach einem kurzen Gespräch stand der Entschluss: Einkäufe verstauen und ab auf die See!

Nur unter Fock liefen wir aus dem Hafen und schon bald zeigte sich, dass diese Entscheidung auch nicht schlecht war: Wir folgten der Küste nach Süden und machten immer um die 5kn, nicht schlecht bei einem Segel von 7qm.

Nach der halben Strecke nach Bønnerup wurde die See etwas offener und die Wellen höher; LOTTE schlingerte ganz gut und so manche Welle brach sich über unserem Achterdeck.

Der Hafen von Bønnerup ist aus der Ferne gut auszumachen: auf seinen Molen stehen 7 große Windkraftanlagen – als wir näher kamen, erinnerte ich mich gut an meinen letzten Besuch hier, 2003 nach dem großen Törn durch den Götakanal. Die Einfahrt zwischen den beiden Molenköpfen war dann noch einmal etwas schwierig, die quer setzende See schüttelte uns ganz gut durch. Aber irgendwie ist es ja immer so: kurz vor dem Hafen wird es auf die eine oder andere Weise nochmal anspruchsvoll.

Im Hafen ging dann alles gewohnt flott und so gab es schon bald Kartoffeln mit Sild, während die Sonne bereits hinter einer drohenden Wolkenwand verschwunden war.

volle Distanz: 22.59 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.55 knots
Gesamtzeit: 05:03:43

In Bønnerup herrscht die typische Atmosphäre eines Fischereihafens. Das bringt zwar den Nachtteil, dass die Fischer rund um die Uhr für Unruhe sorgen, aber den Vorteil, dass man sich hier hervorragend mit frischem Fisch versorgen kann.

Ursprünglich verband nur ein schmaler Damm den Hafen mit dem Festland. Mit den Jahren versandete das Gebiet um Damm und Hafen aber immer mehr, so dass heute ein breiter Landstreifen zwischen Dorf und Hafen liegt. Rund um den 500 Meter entfernten Ort erstrecken sich Ferienhausgebiete. Der zwei Kilometer westlich des Hafens beginnende Fjellerup-Strand gilt als der schönste von Djursland – wie die Halbinsel zwischen Randers und Aarhus genannt wird.

Diese Gegend ist vor allem für seine sehenswerten Gutshöfe und Schlösser bekannt. Zwei davon, Søstrup und Meilgaard, lassen sich bequem von Bønnerup aus erreichen. Das sechs Kilometer südwestlich gelegene Meilgaard hat vor allem wegen der Blumenpracht im Schloßpark einen guten Namen. Das 1573 erbaute Schloss selbst ist mit Ausnahme der Gastwirtschaft nicht für Besucher geöffnet. Bedauerlicherweise wurde es im 19. Jahrhundert modernisiert und büßte dabei den Baustil der frühen Renaissance ein.

Das Hünengrab bei Stenvad (drei Kilometer südlich des Schlosses Mejlgaard) wird auch „50‑Kronen-Hünengrab“ genannt, weil es einst den 50‑Kronen-Schein schmückte.

Søstrup, zehn Kilometer südöstlich von Bønnerup gelegen, ist heute ein von Nonnen des Zisterzienserordens geführtes Hotel mit diversen Ferienwohnungen, einem schönen Schlosspark und einem Restaurant. Das Schloss wurde in der Zeit von 1599 bis 1606 errichtet. Es darf auf Anfrage betreten werden ebenso der Park.

 

Los oder lieber nicht? (6/VIII)

Bønnerup begrüßte uns am Sonntag Morgen mit viel Sonne und noch mehr Wind. Nachdem Robbi uns frische Brötchen geholt hatte, zwei davon waren im Hafengeld inkludiert und man brauchte sie nur beim Brugsen abzuholen, begaben wir uns in den herrlichen Fischladen am Fischereihafen. Obwohl es Sonntag war, kamen die 4 Angestellten nicht mit den vielen Bestellungen hinterher, und so hatte sich bereits eine ziemliche Schlange gebildet – egal, wir hatten ja Zeit.

Mit leckersten Dingen machten wir uns ein schönes Frühstück, und dann war die Frage nach dem Tagesplan – eigentlich wären wir gerne bis Grenå, noch lieber Ebeltoft oder Øer, gekommen. Aber der Wind pfiff mit 7 Windstärken aus West und die Gischt flog über die Molen – kein Wetter, um mit einem Folke auf das Kattegat zu segeln.

Gegen Abend sollte der Wind abnehmen und fassten wir den Plan zeitig zu essen und dann vielleicht noch einen Abend- oder Nachttörn zu starten. Nachdem wir unseren leckerem Aal und Lachs schon lange gegessen hatten, und die Sonne schon am Untergehen war, mussten wir unseren Plan leider begraben, der Wind wollte einfach nicht abflauen.

 

Festgestampft… (7/VIII)

Mit der neuen Woche kam neues Wetter. Montag Morgen schien die Sonne und der Wind hatte deutlich abgenommen, leider aber auch von West auf Südwest gedreht.

So stärkten wir uns mit einem leckeren aber recht kurzen Frühstück, denn wir wollten mindestens bis Øer kommen und dafür verließen wir zeitig den netten Hafen. Unter vollen Segeln ging es auf das Kattegat und die ersten Meilen machten wir auch gute Fahrt, dann aber führte uns unser Kurs südlicher und wir trafen auf eine hohe Dünung gepaart mit starken südwestlichen Böen.

Wir hatten noch nichtmal die Höhe von Grenå erreicht, als wir einsehen mussten: Unser Ziel Djursland zu umrunden ist illusorisch. Mittlerweile hatten wir uns in der Welle so festgestampft, dass wir kaum noch Süd machten und so versuchten wir Grenå zu erreichen.

volle Distanz: 18.3 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.75 knots
Gesamtzeit: 04:14:08

Die „fehlenden“ 20 Seemeilen nach Süden würden wir dann eben am nächsten Tag segeln müssen, zusätzlich zu den über 50 geplanten… So gönnten wir uns Abends ein leckeres Essen und gingen früh ins Bett.

 

Was für ein Ritt (8/VIII)

Der Wecker klingelte um 0430Uhr und ich wusste gar nicht, was passierte… Während Robbi schon das Kabel einholte und das Boot segelfertig machte, quälte ich mich langsam aus der Koje, diese Zeit ist nichts für mich!
Während wir aus dem Hafen in den phantastischen Sonnenaufgang segelten, kam mir plötzlich ein Lied in den Sinn:

Five O’Clock In The Morning

Chorus:
It’s five o’clock in the morning
Time to get ready, we’re sailing away
It’s five o’clock in the morning
Time to get ready to sail

We rise in the morning, sail out on the tide
Silent we slip from the quay
With the gulls overhead and the seals alongside
Proudly we head out to sea

We’ll fish in the Minches fair weather or foul
Living our lives on the sea
It’s hard and it’s tough and the pay’s not enough
But what other life can there be

A trawlerman’s plight is to work day and night
And grab an hour’s sleep in between
Casting the nets out and hauling them in
Sometimes not a fish to be seen

We’ll be cold, tired and hungry and drenched to the skin
As we head back to Stornoway town
With our catch safely landed we’ll have a good dram
In The Clachan, The Lewis or The Crown

Immer wenn ich dieses alte Fischerlied höre, dann denke ich: Wer ist so verrückt, dass er um diese Zeit den Hafen verlässt? Nun, jetzt waren wir es selber und mit den Stimmen der McCalmans ging es Kurs Süd.

Ich übergab dann das Ruder an Robbi und legte mich erstmal wieder etwas hin – der Tag sollte noch lang genug werden. Die Wetterprognose sprach für diesen einen Tag von östlichen Winden, bevor es wieder kräftig aus Südwest blasen sollte. Das wollten wir nutzen und auf jedenfall das Kattegat verlassen, also mindestens bis Middelfart kommen. Da wir am Vortag leider in Grenå hängen geblieben waren, erhöhte sich unsere Tagesstrecke auf über 70nm…

Nachdem ich etwas geschlafen hatte, gab es erstmal Frühstück. Eine plötzliche Flaute erlaubte sogar das Kochen von Kaffee und Robbi war begeistert. Als wir auf der Höhe der Yacht-Schredder der Mols-Linie waren, kam wieder etwas Wind auf, und von da an hatten wir alles was es geben kann: Flaute, guten Segelwind und Starkwindböen.

Robbi wollte in den kommenden 12 Stunden (!!!) die Pinne nicht verlassen und so versorgte ich ihn mit Essen, Getränken und in einer weiteren Flaute sogar mit Nudeln.

Kurz vor Fredericia, die Sonne ging gerade unter, verschwand der Wind dann vollkommen und wir quälten uns mit dem Außenborder gegen den Strom. Um uns herum schnauften die Schweinswale und wir machten 2 statt normalerweise 5kn. In Strib überlegten wir kurz den Hafen anzulaufen, aber wir wollten den kommenden Hafentag gern in Kongebro verbringen, und so ging es immer weiter.

Kurz vor dem Hafen begann dann der Regen, und so fielen wir nach über 17h Törn nicht nur vollkommen müde, sondern auch reichlich durchnässt in die Koje.

volle Distanz: 70.65 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.28 knots
Gesamtzeit: 17:19:09

Der kleine Hafen Kongebro liegt in waldreicher Umgebung, einen Kilometer von Middelfart entfernt. Direkt am Hafen befinden sich nur ein sehr gutes Hotel und ein kleines Holzhaus des Segelclubs mit sanitären Einrichtungen.

Südwestlich liegt auf der anderen Seite der Landzunge Hindsgavl, eine der königlichen Residenzen des Mittelalters. Viel ist leider von der mittelalterlichen Burg, die etwa eine halbe Stunde Fußweg vom Hafen entfernt liegt, nicht mehr zu sehen. Schwedenkriege und Sturmfluten sind da­für verantwortlich. Beim ehemaligen Standort der Burg wurde im 18. Jahr­hundert ein neuer Adelssitz errichtet. Zeitgenossen bezeichneten diesen Bau als architektonisch mißlungen. Aber selbst wenn man diese Ansicht teilt, lohnt sich der Spaziergang zu dieser historischen Stelle schon al­lein wegen der schönen Aussicht über den Kleinen Belt.

Ein weiterer, inzwischen historischer Bau direkt beim Hafen ist kaum zu übersehen und erst recht nicht zu überhören: die alte Brücke über den Kleinen Belt. 1935 wurde sie als kombinierte Straßen‑ und Eisenbahnbrücke an der schmalsten Stelle des Kleinen Belts eingeweiht. Die Möglichkeit zu einem Spaziergang der besonderen Art bietet sich hier, einzigartig in Europa, beim Bridgewalking Lillebælt. Im Rahmen einer zweistündigen Gruppenführung geht es in luftige Höhen von bis zu 60m hoch über den Kleinen Belt. Bauchkribbeln pur – nicht nur wenn unter einem die Eisenbahn über das Bauwerk rumpelt.

 

Kategorien: Törns

2 Kommentare bisher.

  1. Niels sagt:

    Hej Ihr Beiden, als bestallter Oberkorrektor kann ich nur sagen, bis auf Marginalien wurde im Bereich der naturwissenschaftlichen Fakten alles hervorragend dargestellt! Mal wieder Chapeau. Ihr macht wirklich Lust darauf, eure Törns nachzusegeln. Ich bin dort in den Siebziger Jahren mit einem größeren Boot unterwegs gewesen. Das war in meiner Erinnerung immer etwas hastig. Ich freue mich darauf, mit meinem noch etwas renovierungsbedürftigen Tourenfolke Euren Kursen zu folgen. Das Revier lohnt definitiv.
    Euch empfehle ich mal einen Ausflug in den östlichen Scherengarten von Schweden. Entweder auf eigenem Kiel und den Spuren von Bastian Hauck oder per Trailer bis Kalmar oder Oskarsham und dann weiter mit dem Boot zu den Alandinseln. Aber das südliche Norwegen ist auch großartig mit Rückreise über die schwedischen Westscheren…

  2. Björn Ole Pfannkuche sagt:

    Hej Niels,
    LOTTE und ich sind schon zweimal auf eigenem Kiel in den ostschwedischen Schären gewesen und auch zweimal durch den Götakanal – wir haben es sogar schon bis Oslo geschafft 😉