Folkeboot Lotte

ein halbes Jahrhundert auf der Ostsee

Vor einiger Zeit hatte ich ein paar längere Gespräche mit Johannes Thaysen, den Vorsitzenden der Deutschen Folkebootbootvereinigung – über unser gemeinsames Thema entstand dann ein Text für die Folke News, die Zeitschrift der Klassenvereinigung:

Freies Segeln mit dem Folkeboot –

oder: Warum ich mit der Deutschen Folkeboot Vereinigung nicht glücklich werde

Im letzten Jahr, nach einer unschönen Begebenheit mit ein paar Regatta-Seglern, kam es zu einigen sehr interessanten Gesprächen zwischen Johannes Thaysen und mir – das Thema: Warum ist die Deutsche Folkeboot Vereinigung (DFV) so unattraktiv für viele Fahrten Segler?
Schon die Frage impliziert das Problem – die Website bringt es auf den Punkt: Die DFV trennt strikt zwischen Sport- (= Regatta) und Fahrten-Segeln. Stellvertretend für viele Fahrten-Segler, mit denen ich gesprochen habe, möchte ich unser Unbehagen hier einmal darlegen:
Seit 20 Jahren segel (und besitze) ich das Folkeboot LOTTE. Als ich es von meinem Onkel erbte war ich gerade mal 16 Jahre alt und hatte weder einen Kontakt zur Klassenvereinigung, noch zu einem anderen Verein/Verband – ich wollte einfach segeln! Mit der Zeit wurde das Revier größer, aus der Flensburger Förde wurde die Dänische Südsee, dann ging es Fyn Rund, Sjælland Rund und auch zweimal durch den Götakanal – alles auf eigenem Kiel, alles ohne dass mir irgendetwas fehlte.
Erst als ich vor etwa 10 Jahren mein Winterlager von Flensburg in den Landkreis Harburg verlegte (und dafür das Boot zum ersten Mal trailern musste), suchte ich folkespezifische Hilfe: Bei einer großen Einheitsklasse sollte es doch Ansprechpartner geben, irgendwer sollte doch etwas zu den Themen Transport, Sicherung auf dem Trailer oder geeignete Zugfahrzeuge wissen!? Ich trat in die DFV ein, stellte Fragen per Mail und im Forum – leider ohne Erfolg. Die einen wollten, die anderen konnten mir nicht helfen – das Forum auf der Website war ungepflegt und ungenutzt – und so musste ich mir die Hilfe an anderer Stelle suchen. Diese Hilfe fand ich beim Freundeskreis Klassische Yachten. Dort bekam ich schnell Hilfe, Forum und Website waren gut frequentiert. Vor allem traf ich dort auf viele andere Besitzer von Holz-Folkes, Leute mit ähnlichen Fragen und Problemen wie ich.
Nachdem alle meine Probleme gelöst waren, dachte ich nicht weiter über die DFV nach; mit Freude las ich die Folke-News und wunderte mich nur, dass nahezu alle (deutschen) Folkebootsegler, denen ich auf meinen Reisen begegnete, nicht Mitglied waren.
Nach meinem Studium kam die Auseinandersetzung mit dem Thema dann aus einem anderem Grund: Aus 10 Euro Jahresgebühr wurden plötzlich 60 Euro, und da Geld zu dem Zeitpunkt sehr knapp war, stellte ich mir die Frage: Was bringt mir die Mitgliedschaft denn wirklich? Die Antwort war schnell gefunden und sehr eindeutig: Nichts! Ich beendete also meine Mitgliedschaft und wie erwartet: Es segelte sich genau wie zuvor.
In den kommenden Jahren segelte ich einige Male zusammen mit anderen Folkebooten in mehr oder weniger großen Flotten. Mal waren sie geplant, mal ergab es sich einfach, dass ich anderen Folkebooten begegnete und wir einige Tage zusammen segelten – das Ziel war immer das gleiche: Wir wollten die Schönheit des Folkebootsegelns gemeinsam erleben, in ruhigen Buchten ankern und baden oder uns einfach über unsere Boote austauschen. Diese Boote waren (fast immer) alles andere als klassenkonform: Die meisten von uns segelten mit Reff, einige hatten Spinnaker oder Blister, Dirk (und manchmal sogar Rutscher oder Rollsegel) vereinfachten die Manöver und über den Gewichts-Trimm machten wir uns bei all der Ausrüstung an Bord eh keine Gedanken – abends das passende Glas Oliven aus der Bilge zu angeln war wichtiger als das letzte Quentchen Speed.
Im Sommer 2013, auf einem Törn Fyn Rund, beobachtete ich in Kerteminde das erste Mal eine Folkeboot-Regatta. Genauso fasziniert wie von den eleganten Hafenmanövern war ich von der Routine beim Kranen – hier zeigt sich deutlich, dass wir dieses Prozedere nur zweimal im Jahr machen. Als ich mit einigen der Segler ins Gespräch kam und dann erwähnte, dass wir gerade auf einem Törn Fyn Rund sind, überraschte mich die Antwort dann doch: „Dann segelt ihr ja gar nicht richtig mit dem Folkeboot!“
Diese Aussage spiegelt das große Problem innerhalb der Klasse wieder: Viele der Regatta-Segler nehmen die Fahrten-Segler nicht für voll! Es ist egal, dass ich mit meiner LOTTE schon einige tausend Meilen gesegelt und dabei Wind und Wetter getrotzt habe – eine Regatta bei Sonnenschein ist anscheinend ein besseres (weil sportlicheres) Segeln als ein plötzlicher Sturm inmitten eines Nachttörns fernab der Küste.
Wenn ich mir jetzt mit diesem Gedanken einmal den Webauftritt der DFV angucke, dann fällt mir sofort auf: Die Klassenvereinigung verstärkt dieses Gefühl. In der Navigationsleiste konkurrieren „Sport“ und „Fahrten“, ein Großteil der Bilder zeigt actionorientierte Regattaszenen, und bei näherem Hinsehen schwinden dann die angepriesenen Angebote für Fahrten-Segler komplett.
Auch in den Zielen und Aufgaben der Klassenvereinigung geht es primär um Ranglisten, Regattatermine, die Weiterentwicklung in „sportlicher“ Hinsicht oder die Überwachung der Klassenvorschriften – für mich als Fahrten-Segler alles mehr oder weniger uninteressant.
Die andere Seite des Folkeboots, das familientaugliche Volksboot für den Törn in heimischen Gewässern (für diesen Zweck wurde das Boot ja schließlich vor über 70 Jahren entworfen), bleibt vollkommen ausgeblendet; gäbe es nicht die wenigen Törnberichte, so würde diese Seite sogar vollkommen fehlen.
Für mich jedenfalls ist der Abend in einer kleinen Bucht, vor Anker nach einem guten Ritt, wesentlich stimmungsvoller als der Platz auf einer Rangliste – und so lange die Deutsche Folkeboot Vereinigung dieses nicht lebt, werden LOTTE und ich auch weiterhin „frei“ segeln!


Zu dem Artikel gehört auch ein Kommentar von Johannes:

Manch ein Leser mag sich fragen, wie kommt die DFV dazu, einen ihrer schärfsten Kritiker zum Fahrtenbereich so ausführlich zu Wort kommen zu lassen. Das war eine ganz bewusste Entscheidung, da ich der Meinung bin, dass der Diskussionsprozess um die richtige Weiterentwicklung der DFV nicht nur im Vorstand der DFV und vielleicht noch zur Jahreshauptversammlung, sondern auch in den Flotten sowie bei der Basis, nämlich den Mitgliedern angeregt werden muss. Dazu enthält Björn‘s Kritik einige wichtige Ideen. Es ist beschlossene Sache, dass wir den Fahrtenbereich innerhalb der DFV stärken wollen. Dazu haben wir das Amt der Fahrtenbeauftragten eingerichtet. Und wir haben mit dem 1. Fahrtentreffen im Sommer an der Schlei versucht, eine Aktivität in diesem Bereich anzubieten. Das muss weiter wachsen. Wir arbeiten daran, brauchen allerdings dringend eine engagierte Person, die den Fahrtenbereich zukünftig so betreut, dass auch hoch gestellte Erwartungen erfüllt werden und das große Reservoir an Nichtmitglieder der DFV erschlossen werden kann. Dann wird sicher auch deutlich, wozu wir 60,- € als Mitgliedsbeitrag nehmen und die ‚Negativerfahrungen‘ mit der DFV gehören dann hoffentlich der Vergangenheit an.

Was das Verhältnis Regatta- zu Fahrtenseglern betrifft, so kann vielleicht uns das Bodenseerevier als Vorbild dienen: Dort gibt es diese unsägliche Trennung zwischen den beiden Gruppen gar nicht. Jeder Folkebootsegler ist beides in einer Person. Meine Aufgabe wird es sein, die Vorurteile der beiden Gruppen weiter abzubauen und für gegenseitige Akzeptanz zu sorgen. Aber auch alle Mitglieder und Nichtmitglieder sind dazu aufgerufen. Um zukünftig zu bestehen, muss die DFV beiden Gruppen gerecht werden. Das muss sowohl im Internetauftritt, in der FolkeNews und nicht zuletzt im Flottenleben verstärkt zu erkennen sein.

Mittlerweile ist der Artikel gedruckt worden und anscheinend liege ich mit meinen Gedanken garnicht so falsch – hier mal ein paar von den Mails, die mich erreichten.

Frank schreibt zum Beispiel:

(…) gestern hat der Briefträger die aktuelle „Folke News“ bei uns in den Briefkasten befördert. Nach dem Abendbrot schlug meine Frau Deinen Artikel auf und las in vollständig vor. Wir sind uns einig: Eine super Zusammenfassung mit exzellenten Bildern auf 2 Seiten über das „andere“ Folkebootsegeln.
 
Ich habe dann heute Morgen erst einmal Deine Webseite im Büro aufgerufen. Die ist so perfekt und ansprechend, dass ich mir die Sache in der übernächsten Woche in Ruhe ansehen werde. (…)
 

Und Hans meint:

(…) Erstmal Hallo und Danke für beide tolle Berichte in der letzten FN.
(…)
Du hast mit Deinem Artikel so 100%ig recht, aber dennoch bin ich der Meinung, dass dieser Spiess sich auch umdrehen lässt. (…)
 

Kategorien: Allgemein, Törns

Ein Kommentar bisher.

  1. Detlef Lutz sagt:

    Danke für Eure Worte und Eure Website Robert und Björn,
    nachdem ich 1993 mit meinem Freund mit seinem von uns restaurierten Folke „Arbujad“ nach St. Petersburg gesegelt bin, ist mir um die besondere und sichere Art des Folkesegelns bekannt. 2000 habe ich leider, aus Kostengründen, mir einen 25er Stahljolli gekauft und trotzdem mit viel Arrangement über 12 Jahre erhalten. 2012 haben wir ihn verkauft. 2013 haben wir das vermutlich 2. älteste, noch schwimmende Folkeboot mit der Nr. FD28 gekauft.
    Auch ich finde meine Bedürfnisse über Technik und Regattefeeling über die wunderbar geführte Seite im FKY.
    Macht weiter so!

    Herzliche Grüße
    Detlef Lutz