Folkeboot Lotte

ein halbes Jahrhundert auf der Ostsee

Nachdem ich im letzten Jahr ein paar Tage mit Nino auf LOTTE unterwegs gewesen war, hatten wir für diesen Sommer einen gemeinsamen Törn auf Seewiefke geplant. Für mich war es seit 1998 der erste längere Törn auf einem größeren Boot als einem Folkeboot, und so konnte ich, dicht nach unserem eigenen Urlaub, auch direkt die Boote miteinander vergleichen – eine interessante Erfahrung.

Langsam und lange nach Norden (23/VII)

Wir waren ja mit LOTTE extra bereits am Freitag zurück gekehrt, damit ich mit Nino gleich nach dem Frühstück starten konnte. Für mich war das gar nicht so einfach, denn zum einen wollte ich gerne wieder aufs Wasser, zum anderen ließ ich Robbi mit unserem schmuddeligen Boot zurück – und der Großputz ist nach jedem Sommertörn Pflicht…

Trotzdem setzten wir nach dem gemeinsamen Frühstück bereits im Hafen die Segel und trieben langsam gen Norden. Wir hatten uns das Ziel unserer Reise bewusst bis zu diesem Moment offen gelassen, lediglich einige Eckdaten standen fest: Wir wollten lange Schläge machen, ankern, uns beiden unbekannte Ziele erreichen, und nach einer Woche an einem gut erreichbaren Ort für den Crewwechsel ankommen. An Bord waren die Karten von Skagen bis Danzig und einzig der Wind sollte uns das Ziel vorgeben.

Das Wetter machte so weiter, wie Robbi und ich es die Tage zuvor hatten: ein schwacher West-Südwest versuchte die weißen Schäfchenwolken zu vertreiben, hatte dann aber kaum Kraft für das große Segel. Hier merkte ich sofort den ersten Unterschied zu LOTTE: ein größeres Segel ist nicht unbedingt von Vorteil, wenn das Eigengewicht des Tuchs so groß ist, dass der Wind dieses nicht mehr Füllen kann. Unter diesen Voraussetzungen entschieden wir uns für einen Törn entlang des dänischen Festlands, mit eventuellen Abstechern auf die Inseln.

Der kürzeste Weg nach Norden führt durch den Als Sund und den Kleinen Belt, und so setzten wir zuerst Kurs Sønderborg. Es ging recht langsam voran und fast alle anderen Segler beendeten ihren Törn schon im Yachthafen. Wir wollten aber weiter und hatten sogar Glück mit der Brücke, nach einer Ehrenrunde entlang der königlichen Yacht Dannebrog konnten wir in den Sund passieren, und dort machten wir dann richtig Fahrt. Mit den Düseneffekten der Wälder und Hügel kamen wir gut voran und erreichten recht schnell den Als Fjord. Hier wurde es wieder recht zäh, aber wir widerstanden der Verusuchung nach Dyvig zu laufen und setzten Kurs Årø. Es war ein herrlicher, wenn auch recht langsamer Schlag – die Abendsonne war warm, aber brannte nicht mehr so, und das Meer war ruhig und wunderschön.

Kurz vor der Enge zwischen Årø und Årøsund schlief dann der Wind ein ,und so konnten wir unser angedachtes Ziel im Gamborg Fjord nicht mehr erreichen. Mit Maschine liefen wir die letzten 2 NM bis in den Eingang des Haderslev Fjord und dort gingen wir vor Anker.

volle Distanz: 37.12 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.14 knots
Gesamtzeit: 09:39:07

Ankern mit Seewiefke ist schon eine verdammt feine Sache! Sicherlich ist es mühsam den Anker per Hand über den Bugkorb zu hieven und dann so zu fieren, dass die Kette weder Deck noch Gelcoat beschädigt, aber die Installation einer einfachen Bugrolle würde dieses Problem schnell beheben. Für mich viel entscheidender war die Tatsache, dass auf einem so großen Boot (aus Sicht eines Folkeboots und nicht der heute üblichen 40ft+ Yachten) alles parallel gehen kann: Während ich noch den Anker klarierte, hatte Nino bereits das Groß aufgetucht und sauber in dem neuen Lazy-Bag verstaut, die Genua war durch das Aufrollen ja schon fertig. Danach konnten wir nahtlos mit dem Kochen beginnen, jeder mit genug Platz und ohne das Boot erstmal eine halbe Stunde vom Segelmodus in den Wohnmodus zu räumen.

Auf den großen Backskisten saßen wir bequem und konnten, durch den Schutz der Sprayhood,  auch den herrlichen Sonnenuntergang bei einem guten Schluck und einer Zigarre genießen. Danach ging alles wieder verdammt schnell – wir gingen einfach in die Koje. Auf LOTTE wäre das jetzt die nächste Aktion geworden: den Tages-Wohnmodus in den Nachtmodus umbauen.

Andere fluchen über Außenborder… (24/VII)

Ein herrlicher Morgen empfing uns mit blauem Himmel und nahezu absoluter Flaute. Ich genoss den langsamen Start in den Tag, denn ich hatte nicht so gut geschlafen – Seewiefke ist zwar ein großes Boot, aber LOTTE´s Liegewiese ist mehr als doppelt so groß und viel bequemer.

Mit etwas Motorhilfe verließen wir den Haderslev Fjord Kurs Nord und setzten immer dann die Segel, wenn wir wieder einen Hauch von Wind spürten. Auf diese Weise, die natürlich Dank des Rollsegels auch ganz unkompliziert ist, ging es von Windfeld zu Windfeld und Nino hatte sogar die Chance zu baden. Wenn wenig Wind und damit auch wenig Welle herrscht, dann hat man immer die Chance viele Tiere zu sehen und so auch dieses Mal – auf der Höhe von Brandsø sahen wir erst eine Kegelrobbe und später auch ein paar Schweinswale.

Kurz vor Middelfart war der Wind dann komplett weg und da wir nun eh mit Maschine fahren mussten, entschlossen wir uns den hübscheren Weg östlich um Fænø zu nehmen. Bei der Ansteuerung kam uns dann Pommery entgegen, eine gute Gelegenheit für weitere Photos.

Genau wie schon zwei Wochen vorher mit Robbi, wollten wir einen kurzen Stop im alten Hafen von Fredericia einlegen, um dort zu bunkern. Die Möglichkeit ist einfach perfekt, und dank der guten Kompressorkühlbox auf Seewiefke ist es auch kein Problem, ein paar Vorräte zu haben. Die Mittagssonne brannte und in der Stadt rührte sich kein Lüftchen, und so waren wir froh, als wir in dem klimatisierten Føtex waren. Zurück im Hafen gab es nicht nur einen Hotdog, wir spürten auch einen kräftigen Wind aus südlicher Richtung, und so gab es für uns kein Halten mehr – die Leinen waren schnell los und die Segel gesetzt.

Mit guter Fahrt ging es mit Schweinswalbegleitung an den Gastanks vorbei und in Richtung des südlichen Kattegat. Unser Ziel war die kleine Insel Æbelø nördlich von Fyn, dort wollten wir die Nacht ankern, um am nächsten Tag einen guten Ausgangspunkt zu haben. Die Insel bietet nicht nur hervorragende Ankermöglichkeiten, sondern ist auch selber einen Besuch wert. Wegen ihrer interessanten geologischen Entwicklung wird sie in Dänemark als Gebiet von besonderem nationalen geologischen Interesse geführt. Und wir wollten unser Beiboot aufblasen und, ganz im Sinne der alten Entdecker, zu einem Strand rudern.

Leider hatten sich an diesem Tag aber alles gegen uns verschworen, zuerst schlief der Wind ein und dann macht der Motor schlapp. Mitten auf dem freien, spiegelglatten Wasser ging der laufende Motor nach einem kurzen Stottern einfach aus. Während ich mit dem Restwind noch immerhin 0,2 bis 0,4kn machte, versuchte Nino sich an der Problemlösung und checkte Ventile, Leitungen, Verbindungen, Kabel und was sonst noch zu so einer Maschine gehört – alles ohne Erfolg. Da wir nicht den direkten Kurs zu einem Hafen gewählt hatten, waren wir komplett alleine in dem Gebiet, und so blieb uns nichts anderes übrig, als auf Wind oder Hilfe zu warten. Zurück nach Fredericia waren es knapp 9 NM, nach Juelsminde auch und so setzten wir Kurs auf das knapp 7 NM entfernte Bogense. Auf den direkten Wegen zu diesen Häfen sahen wir auch immer wieder Boote, aber Seewiefke hat (im Gegensatz zu LOTTE) keinen Funk an Bord, und so konnten wir niemanden um Hilfe bitten… Also, verstärkten wir unseren Sonnenschutz und machten das beste aus der Situation. Nach zwei Stunden war der Restwind auch weg und Seewiefke hatte keine Ruderwirkung mehr – wir trieben. Aus dem spiegelglatten Wasser gucken immer mal wieder Seehunde und Kegelrobben hervor, und wir fragten uns, ob diese vielleicht über uns lachen würden…

Die Sonne war bereits am untergehen, da näherte sich ein Segler und wir schafften es, diesen heran zu winken. Nach kurzer Erläuterung unserer Lage erklärten sie sich bereit, uns nach Bogense zu schleppen – im Hafen aber wollten sie uns „einfach los werfen“. Die vorbereitete Schleppleine stand recht schnell, aber als vor uns einfach die Hebel auf den Tisch gelegt wurden, bekam ich doch ein etwas ungutes Gefühl. Mit eingeschaltetem Autopiloten wurde vor uns in Ruhe aufgetucht und dann ein Drink genommen, während wir komplett unbeachtet mit knapp 7kn hinterher gezogen wurden. (Ich glaube mit LOTTE hätte ich nach kurzer Zeit den Schleppverband beendet und wäre, aus Angst um das Material, lieber gepaddelt.)

Während der halbe Hafen den perfekten Sonnenuntergang von den Molenköpfen aus beobachtete, wurden wir mit nahezu unverminderter Geschwindigkeit vor den Linsen ihrer Handys und Kameras vorbei geschleppt. Das Aufstoppen zum Lösen der Schleppleine war kaum merkbar, dann war unser Schlepper auch schon verschwunden. Mit gutem Schwung erreichten wir eine Box in der Pole-Position des Hafens und dort machten wir mit Hilfe einiger Dänen erstmal fest. Beim Anleger merkte ich das erste Mal, dass eine 31 Fuß Yacht für heutige Verhältnisse eben doch winzig ist: genau wie bei LOTTE war die Box viel zu lang und die Leinen viel zu kurz.

volle Distanz: 35.18 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.70 knots
Gesamtzeit: 11:59:46

Müde und hungrig ging es dann in die Stadt, wo wir gerade noch eine Kleinigkeit im Hafenbistro bekamen, bevor dieses seine Küche schloss. Total fertig und mit einem ordentlichen Sonnenbrand ging es dann in die Koje, und dieses Mal schlief ich sofort ein.

Wann kommt Hilfe? (25/VII)

Der Morgen war windstill und irgendwie grau – die Luft war drückend und es roch nach Gewitter. Wir waren nicht böse, dass wir nicht sofort auslaufen konnten und so kümmerte ich mich um das Frühstück, während Nino sich um einen Mechaniker kümmerte. Der ortsansässige Shop hatte Betriebsferien und so war es nicht einfach jemanden zu finden, der sich noch an diesem Tag des Problems annehmen konnte – fast alle Mechaniker der Insel waren im Urlaub und viele Bootsurlauber brauchten technische Hilfe…

Gegen 15 Uhr kam dann aber ein Werkstattwagen vorgefahren und mit ihm ein Mann, der den Tag über schon sichtlich rum gekommen war. Schnell hatte er das Problem eingegrenzt und dann als Dieselpest identifiziert. Nach dem Austausch mehrerer Filter gab er uns ein Additiv und meinte, dass dieses nicht nur der Neubildung entgegenwirke, sondern manchmal auch bereits gebildete Algen auflösen könnte… Mir waren das zu viele Unsicherheiten, aber der Motor sprang mit dem Zeug nicht nur schneller an, er lief auch ruhiger und runder.

Da sich draußen aber mittlerweile einige Gewitterwolken gebildet hatten, entschieden wir uns für eine Hafentag und machten einen Spaziergang durch die wunderschöne kleine Stadt. Bogense erhielt 1288 das Marktrecht vom dänischen König und ist bis heute die kleinste Stadt mit diesem Recht auf Fyn. Die Altstadt, in direkter Nähe zu dem idyllischen Fischerei- und dem modernen Yachthafen ist zwar sehr stark touristisch orientiert, aber durchaus einen Besuch wert.

Als wir am Abend dann unsere Törnplanung für den kommenden Tag machten, besuchte uns ein Seehund. Er schwamm munter durch den Hafen und guckte immer mal wieder aus dem Wasser, drehte seinen Kopf und es schien als würde er gefallen an den erstaunten Blicken der vielen Segler finden.

Ein (viel zu volles) Idyll (26/VII)

Die Vorgabe von Nino für den Tag war klar, er wollte ankern. Mit einem leichten West verließen wir Bogense und setzten erstmal Kurs auf Æbelø. Von der Nordspitze dieser Insel wollten wir dann weiter ins Kattegat, vielleicht nach Samsø oder sogar bis Gniben. Die ersten Meilen ging es noch gut voran, dann aber schlief der Wind wieder etwas ein und so wurde es südlich von Samsø zu einem wilden Geschaukel in der alten Welle. In einer Patenthalse bekam Nino dann zwar nicht den Baum an den Kopf, aber die Schot an die Nase und ich zeigte ihm erstmal, wie man einen Bullenstander setzt.

Als wir die Südspitze von Samsø passiert hatten, kam wieder etwas Wind und wir machten gute Fahrt. Vorbei an Ballen folgten wir der schönen Küste, mussten aber einsehen, dass es mittlerweile zu spät war, um noch Gniben zu erreichen und daher liefen wir Stavns Fjord an. In diesem ganz zentralen Gebiet der Insel erstreckt sich ein kleiner Archipel. Das Areal ist Vogelschutzgebiet und Wildreservat mit einer interessanten Fauna und Flora im Breich der Brack- und Salzwasserzonen. Die vielen Inselchen und Sandbänke machen die Ansteuerung zwar etwas schwierig, aber sie bieten ungestörte Rückzugsflächen für viele Tiere. Am Nordende dieser Region liegt der kleine Hafen von Langør, neben dem es einige phantastische Ankerbuchten gibt. In einem recht großen Feld von ankernden Yachten aller Formen und Größen ankerten wir auf gut 3m Wassertiefe und hatten eine perfekte Stelle gefunden.

volle Distanz: 36.96 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.32 knots
Gesamtzeit: 09:28:20

Wieder erstaunte es mich, wie einfach auf Seewiefke diese Dinge des täglichen Lebens sind – so hatten wir unseren Ankerplatz kaum erreicht, da hatte Nino schon unser Abendessen am Wickel, es gab neue Kartoffeln mit gebratenem Lachs und dazu einen schön gekühlten Weißwein. Zu allem gab es einen märchenhaften Sonnenuntergang, der mich schnell die Erinnerung an meinen letzten Besuch mit LOTTE im Dauerregen vergessen ließ…

Kurs Anholt ! (27/VII)

Soviel Tage blieben uns ja nicht mehr und daher begruben wir den erträumten Plan eines Besuchs in Schweden. Hätten wir Gniben erreicht, so wäre ein Abstecher nach Hallands Väderö unser Ziel gewesen, aber jetzt wollten wir in Dänemark bleiben. Wenn man auf Samsø ist und weiter nach Norden will, dann kommt einem unweigerlich Anholt in den Sinn. Für viele Segler in diese Insel mitten im Kattegat ein nahezu mystischer Ort, auf dem man einfach mal gewesen sein muss – Nino hatte davon noch nie gehört.

Eigentlich ist es nicht kompliziert die Insel zu erreichen, von Grenå aus sind es knapp 27 NM und damit bei weitem weniger als die Überfahrt von Kiel nach Marstal, aber man muss eben über das Kattegat und es ist der einzige Hafen weit und breit. Ich war mit LOTTE das letzte Mal 2001 auf der Rückreise von meiner ersten Götakanaltour dort und freute mich schon auf ein Wiedersehen.

Mit einem guten Südost von 3 bis 4 Beautfort ging es  flott voran und schon bald waren wir auf der Höhe von Hjelm, da ließ der Wind mal wieder nach. Die nächsten Meilen schleppten sich dahin, aber wir wollten weder nach Grenå ablaufen, noch den Motor starten, und so ging es eben langsam voran. Als wir am Horizont den riesigen Offshore-Windpark Anholt entdeckten, meinte Nino, dass es ja jetzt nicht mehr weit sei – da hatte er sich aber in den Dimensionen dieser riesigen Anlage gründlich geirrt. Mit einer Nennleistung von 400 MW war er bei der offiziellen Inbetriebnahme am 4. September 2013 der leistungsstärkste Offshore-Windpark in Dänemark.

Die Gesamtfläche des Windparks, der sich in 9 NM Entfernung von der Ostküste Jyllands befindet, beträgt 88 km², die Insel Anholt liegt 11 NM entfernt. Insgesamt soll der Windpark elektrische Energie für ca. 400.000 dänische Haushalte liefern, entsprechend etwa 4 % des dänischen Stromverbrauchs.

So dauerte es noch ein ganze Weile, bis Anholt endlich in Sicht kam, und dabei musste ich an meinen ersten Besuch auf dieser Insel denken: Im Herbst 1998 war ich mit Schulfreunden auf einer größeren Oceanis unterwegs (der Törn auf den ich mich oben bezogen habe) und weil wir bereits nach 2 Tagen von der Schlei aus Samsø erreicht hatten, wollten wir noch etwas weiter. GPS hatten wir nicht an Bord und die Decca Ketten waren schon zum größten Teil abgebaut. So mussten wir ganz klassisch mit Kurs und Geschwindigkeit rechnen und dieses in die Karte eintragen – eine Seekarte für die Großschifffahrt vom Ende der 70er. Von dem Windpark war noch nicht die Rede und die Herbstluft ließ uns gerade mal eine Sicht von 4 bis 5 Meilen, so dass unser Skipper schon umkehren wollte, damit wir nicht an der Insel vorbei segeln. (Eine Möglichkeit, die für die heutigen Fahrtensegler mit ihren Plottern und anderen elektronischen Hilfsmitteln sicher unvorstellbar ist.) Nach langem Hin und Her gab er uns dann noch bis 16Uhr und wir wollten gerade umkehren, als eine Freundin Land sah – Anholt tauchte aus dem Dunst auf.

Kurz vor dem Hafen wurde es dann nochmal ungemütlich, der Wind hatte wieder aufgefrischt und obwohl er gar nicht so stark war, schlugen schon einige Brecher über die Wälle des Vorhafens. Nino war aber vor allem wegen der Anzahl der Masten besorgt, hatte ich bei meinen letzten Besuchen immer an nahezu leeren Stegen längsseits gelegen, so verhieß die Hauptsaison Päckchen oder ankern im Vorhafen.

volle Distanz: 57.4 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 6.14 knots
Gesamtzeit: 09:53:12

Nach ein paar Runden im Hafen fanden wir am Ende eines Steges noch eine „Lücke“. Als fünfte im Päckchen konnten wir den Steg kaum erahnen, der Hafenmeister hatte uns aber sofort erspäht und kletterte mit seinem Kartenleser über alle Boote, um 200dkr Hafengeld zu kassieren – in KW26 bis 31 zahlt man eben 50dkr mehr als sonst.

Nino war von dem Liegeplatz nicht so begeistert, ein Päckchen und die Ankündigung der Nachbarn um 6:30Uhr auslaufen zu wollen, ließen ihn nicht gerade zu einem Freund der Insel werden. Daher gab es ein schnelles Abendessen und dann gingen wir in die Koje.

Inselparadies (28/VII)

Der Wecker riss uns um 6Uhr aus dem Schlaf, kurz bevor die Nachbarn auch schon klopften. Wir bekamen noch den guten Tipp das frühe Aufstehen mit einem Besuch der bald einlaufenden Fischer zu verbinden, dann wurden auch schon die Motoren gestartet und ein Teil des Hafens wachte auf.

Während wir noch überlegten was wir tun sollten, kam ein relativ großes Boot aus der Gasse zwischen den Stegen und wir witterten unsere Chance: Wenn einer da hinten ausgelaufen ist, dann ist dort sicher ein echter Platz frei und so war es auch. Wir verholten uns neben eine 56Fuß Yacht aus Norwegen, die gar nicht erst aufwachen brauchte, ihre Party war noch in vollem Gange. Auf dem Weg zu den Toiletten und den Fischern bemerkten wir auch, was den Hafen in der Hauptsaison so füllt: große, zum Teil riesige, Yachten aus Norwegen und Schweden. Auf den meisten der Boote ging man gerade zu Bett, und so war es schön ruhig, als wir zwischen Bergen von leeren Flaschen und Dosen dem Land zu liefen.

Beim ersten Blick auf den Strand empfand Nino die Insel schon anders (zumal wir ja jetzt einen echten Liegeplatz hatten) und der Besuch bei den Fischern nahm ihn dann völlig für die Insel ein. Wir mussten zwar noch eine knappe Stunde auf den ersten Kutter warten, aber dann erklärte sich auch die lange Schlange von Menschen mit Tüten, Säcken, Eimern, Bottichen und allen anderen Arten von Gefäßen: Alle wollten kiloweise Jomfruhummer.

Der Kaisergranat (Nephrops norvegicus), ist ein im Kontinentalschelf des Nordostatlantiks, des Mittelmeers und der Nordsee lebender Zehnfußkrebs. Er besitzt einen hummerähnlichen Körperbau und kann Gesamtkörperlängen von über 20 Zentimeter sowie ein Alter von mehr als 10 Jahren erreichen.  In ihrem gesamten Verbreitungsgebiet werden sie mehrheitlich mit Grundschleppnetzen befischt, weil vor allem ihr Hinterleib  als Delikatesse gilt. Trotz dieser intensiven Befischung ist der Kaisergranat nach Artenschutzkriterien nicht gefährdet.

Nach einer langen Zeit des Schlangestehens war Nino an der Reihe und für gerade mal 200dkr füllten sich seine Plastikbeutel mit 2kg dieser Köstlichkeiten. Nach dem Frühstück machten wir uns daran den Granat für das Abendessen zu kochen, in mehreren Gängen (wegen der Größe des Topfes) wanderten alle Leckerbissen in sprudelndes Meerwasser und danach in die Kühlung.

Über Mittag machten wir auf den Weg in das 2km entfernte Dorf und jetzt konnte Nino alle Besonderheiten der Insel erleben. Die Umgebung des Hafens an der Westseite der Insel erinnerte ihn an die Nordseeinseln. Dieser Teil der Insel wird durch eine 3km²  große Moränenlandschaft gebildet und hier liegt auch die Siedlung Anholt. Die Dünen der Insel erreichen mit dem Sønderbjerg eine Höhe von 48 Metern. Der Nordbjerg ist 39 Meter hoch. Von Westen und Süden ist die Insel dem Meer und starkem Wind ausgesetzt; Steilküstenbildung ist die Folge. Der Osten ist eine flache Strandwallebene.  Auf den Strandwällen findet man kleine, durch Erosion ausgehöhlte eisenhaltige Steine, die im Volksmund als „Zwergentöpfe“ bezeichnet werden.

Der Osten von Anholt war bis ins 17. Jahrhundert mit Kiefernwald bewachsen, der durch Rodung verloren ging. An seiner Stelle breitete sich eine Heidelandschaft aus: Ørkenen (zu Deutsch: Wüste) erstreckt sich über den Großteil der Insel. Ihre Besonderheit besteht darin, dass der Boden seit Menschengedenken nicht bestellt worden ist, also sein ursprüngliches eiszeitliches Geländeprofil bewahrt hat. Das Gebiet ist spärlich bewachsen, u.a. mit Besenheide, Schwarzer Krähenbeere und Flechten. Anholt verfügt über die größte zusammenhängende Flechtenheide Europas. Die Entwicklungsstadien von der Krusten- zur Laubflechte sind hier gut zu beobachten, Becher-, Lungen- und Rentierflechte sind die Hauptvertreter. Von den 2.237 Hektar der Insel stehen 2.067 Hektar unter Naturschutz.

Die beiden jüngsten Teile von Anholt sind die Ostspitze Totten und das an der Nordwestseite gelegene Flakket, ein flaches Vorland mit Strandwiesen. Es hat sich nach dem Bau des Hafens gebildet, weil sich hier durch die Molen die Strömungsverhältnisse änderten. Totten wird gern von Seehunden aufgesucht und ist deshalb ebenfalls unter Schutz gestellt. Es ist die einzige Stelle in Dänemark, an der Seehunde von Land aus mit dem Fernglas zu beobachten sind.

Durch die Lage zwischen Schweden und Dänemark ist die Insel schon lange besiedelt, es gibt einzelne archäologische Funde aus dem letzten Teil des Altsteinzeit und weitere Funde zeugen von Bewohnern während der Jungsteinzeit. Es gibt keine Funde aus der Bronzezeit, jedoch liegen aus der Wikingerzeit einzelne Funde vor.

Laut dem Erdbuch König Waldemars von 1231 besaß der König ein Haus oder eine Hütte auf dem Sønderbjerg. Anholt war also Krongut und ging über viele Jahrhunderte durch verschiedene Verwaltungen.

Während der Napoleonischen Kriege war Dänemark von 1807 bis 1814 mit Frankreich verbündet. Die gegen England verhängte Kontinentalsperre führte zu Schmuggel und nächtlichen Durchbruchversuchen. Deshalb wurden an den dänischen Küsten die Leuchtfeuer gelöscht, um die ortsunkundigen britischen Schiffe auf dem Weg nach Schweden und in die Ostsee zu behindern. Nach Verlusten vor Anholt führte die englische Flotte einen Angriff auf die Insel und eroberte sie am 18. Mai 1809, am 25. März 1811 kam es zur „Schlacht um Anholt“. Nach zwei Tagen siegte die englische Garnison gegen die Dänen. Die Besetzung der Insel endete 1814 infolge des Kieler Friedens.

Es gibt nur eine einzige Siedlung auf Anholt. Hier finden alle sozialen und kulturellen Aktivitäten statt. Ursprünglich wurde Fachwerk gebaut, unter Verwendung von Strandgut. Viele Häuser erhielten im Laufe der Zeit seitliche Anbauten, wenn neue Generationen in den Familien mehr Wohnraum erforderten. Die Kirche stammt aus dem Jahre 1819, die vorherige war während der britischen Besetzung der Insel zerstört worden.

Da das Dorf recht weit vom Hafen entfernt liegt, kommen hier nicht so viele der Touristen hin und man hat etwas Ruhe für den Besuch des Købmand und des Kro.

Nach unserer Rückkehr auf Seewiefke ruhten wir uns erstmal etwas aus, bevor wir uns zum herrlichen Strand und dann ins Kattegat begaben – das Baden in dem herrlichen Wasser macht viel Spaß, vor allem, da es erheblich salziger als bei uns Zuhause ist.

Was uns beim Schlendern über die Stege auffiel: In Skandinavien segeln sehr viele junge Leute! Wenn wir in Deutschland unterwegs sind, dann sind wir noch immer unter den jüngsten in den Häfen, der Segelsport ist fest in der Hand von Rentnern. Auf den Booten aus Norwegen und Schweden sahen wir aber eine Menge junger Familien, viele Kinder und ganze Crews im Alter von 20 bis 30 – sowas erlebt man bei uns ganz selten.

Nach dem langen Tag gab es den Jomfruhummer als krönenden Abschluss. Nino hatte noch ein Baguette und eine Flasche Weißwein besorgt, dann ließen wir es uns gut gehen und irgendwie fand Nino Anholt plötzlich gar nicht mehr so schlecht…

Südwärts – raus aus dem Sommer (29/VII)

Leider neigt sich jeder Törn mal dem Ende zu und so mussten wir langsam an den Rückweg denken. Wir wollten Robbi und Gunthi am Festland treffen, wenigstens in Grenå, aber am besten noch weiter südlich.

So nutzen wir den frischen Südost, setzten nach dem Frühstück schon im Vorhafen alle Segel, und dann nahmen Kurs auf den Windpark. Mit uns lief eine große Gruppe an Booten aus, und so hatten wir auf den ersten 18 NM viel Begleitung. Während die anderen aber Kurs Grenå gesetzt hatten, wollten wir weiter Richtung Hjelm und dann bis Øer Maritime, dem nächsten erreichbaren Hafen südwärts an der Halbinsel Djursland. Von Grenå bis Øer sind es über 25 NM und so passte es uns gar nicht, als plötzlich der Wind weg war und wir ein dickes Regengebiet ab bekamen – mit Maschine tuckerten wir ein paar Meilen, bis der Wind als Südwest wieder aufbriste und wir mit einem harten Anlieger weiter nach Süden fuhren. Die letzten Meilen mussten wir in totaler Flaute wieder unter Motor laufen, und so erreichten wir gegen 21 Uhr die Ansteuerung von Øer und damit Ninos erste Schleuse.