Folkeboot Lotte

ein halbes Jahrhundert auf der Ostsee

12
Sep
2013

Der Herbst beginnt

Als uns Patrice im vergangenen Winter bei der Elektrik in der Bootshalle half, stellten wir fest, dass er noch nie gesegelt war – das wollten wir unbedingt ändern! In der Vorsaison hatten wir wenig Zeit, der Sommer war bei ihm voller Termine aber in diesem Jahr sollte es unbedingt noch klappen – also peilten wir das vergangene Wochenende an. Die Wetterprognose war perfekt, ein kräftiger Ostwind versprach beste Segelbedingungen bei Sonne pur und Temperaturen um die 22 Grad.

Die ganze Woche schon hatte sich der Spätsommer von seiner schönsten Seite gezeigt – unter meinem Bürofenster waren die Spaziergänger kurz gekleidet, Jollen segelten auf dem Binnenhafen – und so machte ich mich am Freitag auf den Weg zu Patrice. „Wenn Sonnenkinder reisen…“ wurde ich begrüßt und dann ging es über Hamburg, wo wir Robbi aufgabelten, nach Wackerballig. Die vielen Staus auf der A7 konnten uns nicht schocken, wir wollten auf die See und so kamen wir kurz vor Sonnenuntergang bei LOTTE an. Gunthi&Nino grüßten schon von weitem und auch Friederike kam kurz vorbei, das war ein Wiedersehen, während die Sonne hinter einer dichten Wolkenwand verschwand…

Beim gemeinsamen Essen im Strandhus checkten wir dann kurz den Wetterbericht und dieser sah plötzlich gar nicht mehr nach Spätsommer aus… die Sonne sollte dunklen Wolken, Gewitter und Regen weichen und der kräftige Wind sollte noch kräftiger werden.

Trotzdem ließen wir uns die Stimmung nicht vermiesen, der Abend war warm und sternenklar; jeder, der mal zur Toilette oder zum Rauchen rausging, blieb eine Weile länger und zum Schluss waren wir alle draußen. Die Milchstraße leuchtete als helles Band über den ganzen Himmel und jeder versuchte das raus zu kramen, was er mal über die Sterne gelernt hatte.

Am Samstag Morgen, während des Frühstücks, hörten wir über Steinberghaff den Donner grollen und ein schwarzes Band erstreckte sich von Süden nach Norden. Von den paar Regentropfen unbeeindruckt frühstückten wir in Ruhe zu Ende und freuten uns danach, dass die Front an uns vorbei gezogen war. Was blieb war ein grauer Himmel und ein auffrischender Südost.Wir setzen Segel und mit guter Fahrt ging es dem Leuchtturm von Kalkgrund entgegen – unser Ziel war es hinter den Windrädern vor Høruphav zu Ankern und dort erstmal gemeinsam mit Gunthi&Nino Kaffee zu trinken. Als wir den Landschutz der Geltinger Birk hinter uns gelassen hatten, bekamen wir die vollen Wellen ab. Glücklicherweise waren diese recht lang und nicht so kurz und steil wie so oft auf der Ostsee, aber hier merkten wir erst wie stark der Wind wirklich war. Da es aber langsam heller wurde, es zeigte sich sogar ab und an mal die Sonne, genossen wir den Ritt in Richtung Norden und trafen sogar noch vor Seewiefke am anvisierten Ankerplatz ein.Patrice hatte am Ruder nicht nur ganze Arbeit geleistet, wir hatten auch die bessere Route gewählt. Der starke Wind, die vielen Feuerquallen, die vielen Wolken und die die Tatsache dass alle anderen außer uns in der Woche vorher eine Erkältung hatten, ließen uns dann aber von dem Anker&Bade-Plan abrücken und so segelten wir gleich weiter zum Hafen.

Wir nutzen die Gelegenheit und testeten bei dem starken Wind, aber wenig Welle, auf dem Stück zum Hafen unser Reff und stellten folgendes fest: Unser altes Segel war ein Folkebootsegel mit Reff, das neue ist ein Segel mit Reff für ein Folkeboot. Das heißt, dass das Segel nicht so designed wurde, dass ein Fahrtensegler, dem es bei 8Bft. auf dem Folke mit Vollzeug zu viel wird ein wenig reffen kann, sondern das Segel ist insgesammt bauchiger – es braucht das Reff bereits ab 5 bis 6 Windstärken. Das war und ist natürlich nicht das, was wir woll(t)en und so müssen wir im Winter mal sehen, wie sich das ändern lässt. Mit dem Reff machten wir aber auf jeden Fall sofort weniger Lage und der Test sollte sich für den Sonntag als sehr gut erweisen.Im Hafen gab es dann erstmal Kaffee und Kuchen, passend zur immer häufigeren Sonne. Gegen Abend waren dann fast alle Wolken verschwunden und wir wollten uns einen Grillplatz sichern… diese waren aber alle belegt. So kramten wir unseren Grill heraus und zusammen genossen wir einen schönen Abend im Cockpit von Seewiefke.

Am Sonntag Morgen wurden wir vom Pfeiffen und Klappern der Riggs geweckt – draußen war es sonnig und auch recht warm, aber der Südost hatte tüchtig zugenommen und kam jetzt mit stehenden 6Bft.. Auf der Bucht vor dem Hafen war das ja alles kein Problem, aber der Kurs nach Wackerballig sind grob 180° und das wäre dann ein recht harter Anlieger bei den Wellen von gestern.

Nach dem Frühstück packten wir uns alle wasserdicht ein und dann ging es los, aus dem Hafen unter Fock und im Schutz der Küste hinter den Windrädern setzten wir dann unser gerefftes Groß. Kaum hatten wir den Landschutz verlassen, rollten die großen Wellen heran, aber mit dem Reff lagen wir stabil und machten perfekte Fahrt. Kein Mal unterschnitten wir eine Welle oder stampften uns fest, lediglich die Gischt und die Krängung zeugten von unserem Kurs.         

Nach wenigen Minuten hatten wir schon eimerweise Wasser über uns bekommen und jetzt zeigte sich einmal mehr, wie angenehm es doch in der Nachsaison ist: Das Wasser (und zum Teil auch die Luft) sind noch warm und angenehm. Wäre es April gewesen, so hätten wir nach einer halben Stunden sicher angefangen zu frieren, aber so konnten wir den Ritt genießen und kamen durchweicht aber glücklich (knapp hinter Seewiefke) in Wackerballig an.Nachdem wir uns entsalzt hatten, wurde LOTTE schnell aufgeklart und alles luftig gestaut – in der Nachsaison trocknet alles viel schlechter und im Boot ist es immer klamm, wir wollen ja verhindern, das es spakt.Zum Abschluss gab es dann noch Kaffee und Kuchen in der Marina-Lounge, wir wollten ja noch etwas Ruhe vor der langen Fahrt haben. Als wir die beiden Boote von oben betrachteten, bekamen wir alle die Lust gleich wieder auf die Bucht zu segeln… auch wenn so eine Starkwindfahrt anstrengend ist, so macht sie doch auch viel Spaß!

Auf der Autobahn, dieses Mal ohne Stau, kam dann auch der Regen, aber jetzt war uns das ja egal…

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