Folkeboot Lotte

ein halbes Jahrhundert auf der Ostsee

18
Aug
2013

Leben auf 7 Metern

Jeden Tag bleiben Leute auf dem Steg vor LOTTE stehen und unterhalten sich, manche eher leise, andere durchaus laut – letzteren ist es egal, ob sie dabei gehört werden oder nicht. Die Themen sind immer die selben: Entweder beginnen sie mit einem „Erinnerst du dich..“ oder vielleicht „Dass es sowas noch gibt…“, manchmal aber sind sie auch nicht so freundlich. Dann unterhalten sich Leute direkt vor unserem Bug wie unverantwortlich es sei mit einem so kleinen Boot soweit zu reisen oder wie schlimm es sein muss auf so einem „Ding“ zu „hausen“. Letztere Gruppe ist wenigstens dann kurz peinlich betroffen, wenn man sie von unter der Kuchenbude oder unter Deck direkt anspricht: „Wir hausen nicht, wir leben!“

Sicherlich ist vieles auf einem großen Boot einfacher und komfortabler, aber der alte Spruch sagt „In der Kürze liegt die Würze“. Und da ist etwas Wahres dran. Jede gewohnte Tätigkeit wird von einer Selbstverständlichkeit zu einer gelebten und damit erlebten Aktion: Wenn wir morgens aufstehen, dann kommen wir zum Beispiel nicht direkt an unser Frühstück – abgesehen davon, dass erst der Tisch gedeckt werden muss (nicht anders als zu Hause oder auf einer großen Yacht), befindet sich unser Bett über der Bilge und damit unserem „Kühlschrank“. Zu frühstücken bedeutet daher auf jeden Fall immer, dass das Bett abgebaut und verstaut sein muss. In Japan frage ich mich jedes Mal, wenn ich auf einem der tollen Futons geschlafen habe, wer räumt die Dinger eigentlich weg? Ich mache mein Bett zuhause eher selten…

Während wir dann in Richtung Toilettenhäuschen verschwinden, wird das Wasser für unseren Tee (oder Kaffee) heiß. Das Kochen auf Spiritus (oder im Hafen mit dem 800W Wasserkocher) dauert eben so seine Zeit. Es dauert so lange, dass noch genügend Zeit zum Brötchen holen ist oder auch für den Besuch beim Supermarkt. Dort kaufen wir jeden Morgen (soweit ein Markt in der Nähe) die verderblicheren Dinge – denn unser Kühlschrank hat Wassertemperatur und die ist in der Saison doch hoffentlich über 18°C.

Der Einkauf läuft dann immer gleich ab: Was haben wir noch, was brauchen wir, wie lange hält es? Mit der Zeit entwickelt man ein sehr gutes Gefühl dafür, wie man Lebensmittel lange aufbewahren kann und was man wann kauft. Die bewusste Auseinandersetzung mit dem Gut Nahrung bekommt einen ganz anderen Stellenwert als der einfache Griff in die Tiefkühltruhe zu Hause.

Nach dem Frühstück, wie nach jedem Essen, muss abgewaschen werden – es stellt sich gar nicht die Frage nach dem Verschieben, denn wir wollen ja noch auslaufen, und auf See soll alles an seinem Platz sein. Während also einer mit dem Abwasch an Land verschwindet (so es in dem Hafen eine Abwäsche gibt) oder versucht, mit weiterem erhitzten Wasser an Bord abzuwaschen und dem anderen möglichst wenig im Wege zu sitzen, fängt dieser an alles segelfertig zu stauen. Manche Sachen haben ihren festen Platz, andere (wie neue Teile, das Gepäck von Besuchern oder kurzzeitige Ausrüstung) müssen wohldurchdacht gelascht und verpackt werden – wo können sie nicht runterfallen? Wo werden sie nicht nass? An was müssen wir während des Törns noch ran? Im Kopf geht man eine ganze „Checkliste“ durch, jeder Tag ist anders und doch so ähnlich wie der vorherige.

Dann geht es, je nach Wind und Wetter, endlich auf See! Bei der ersten Böe (oder nach dem ersten Kurswechsel) zeigt sich dann schon mal, ob man richtig verstaut hat… wenn nicht, am Ende findet sich sicher alles im Mittelgang wieder. Ohne starken Motor sind wir abhängig von dem, was wir vorfinden – Planen ist eine gute Sache, aber Pläne sind zum Ändern da! Sicherlich haben wir Ziele, aber oft erreichen wir diese nicht, und so ist jeden Tag nur eines sicher: Der Ort, wo wir abgelegt haben. Unser Ziel kann sich häufig ändern, mal wegen zu wenig, mal wegen zu viel Wind. Während andere in der Flaute einfach die Hebel auf den Tisch legen, müssen wir mit unserem kleinen Motor und dem begrenzten Vorrat an Benzin anders an die Sache heran gehen; und so treiben wir auch mal eine Weile. Wenn alle anderen an einem vorbei motoren und man selber sich nur mit dem Rest von Wind oder der Strömung bewegt, wird die Welt seltsam entschleunigt: Man sieht Dinge, die einem sonst verborgen bleiben. Plötzlich erlebt man den Ruf der Vögel, betrachtet den Zug der Wolken oder entdeckt auf der weiten See vielleicht einen Wal oder eine Robbe. Dann ist Zeit für gute Gespräche, ein gutes Buch oder den Plan für das Abendessen – was haben wir noch, was muss bald weg?

Kurz vor dem Hafen oder der Ankerbucht, wird es dann wieder lebhaft – die Gedanken fokussieren sich wieder auf den Augenblick, und die beste Strategie für das Anlegemanöver wird mittels Karten und Hafenhandbüchern erdacht. Das ist auf einem großen Boot sicherlich ähnlich, aber oft haben wir das Problem, dass wir außerhalb des Hafens unsere Segel nicht sicher bergen können (zum Beispiel weil die Wellen zu hoch für unseren Außenboarder sind), und dann kommen andere Fragen hinzu: Kann man in den Hafen segeln? Sehen uns die anderen Boote und reagieren sie entsprechend? Jeder Hafen ist anders und jeden Tag, jede Stunde gelten eigene Bedingungen die man sich bewusst machen muss. Segeln ist eben nicht wie Auto fahren, nach dem Bremsen steht man nicht und wenn man steht, dann ist man noch lange nicht bewegungslos.

Wenn wir zusammen mit anderen, Fremden oder Freunden, in einen Hafen einlaufen, dann verdeutlicht sich das tägliche Prozedere: Während die Anderen schon beim Anlegerbier sitzen, sind wir noch am Segel aufklaren und bringen das Boot vom segelbaren in einen bewohnbaren Zustand. Die Segel werden abgeschlagen und gelegt (nicht per Leinenzug eingerollt) und die Kajüte geordnet. Um einen größeren Lebensraum zu erhalten, bauen wir unsere Kuchenbude, ein Zelt oder wenigstens eine Plane auf… dann sind auch wir angekommen.

Abendessen kochen wir jeden Tag an Bord – jeden Tag frisch und möglichst ohne Convenience Produkte. An Bord ist das immer eine Arbeit für uns beide, der Eine sitzt im Cockpit und schnippelt/kocht, der Andere reicht von innen an. Eine Küche gibt es nicht, gekocht wird in der Kajüte, im Cockpit oder sonstwo – immer da, wo es die Witterung gerade zulässt. Wenn wir schon richtig kochen, dann soll auch das Ambiente stimmen, wir essen von richtigem Porzellan und trinken aus echtem Glas – warum sollten wir uns da auch einschränken?

Dann geht es wieder ans Abwaschen, bevor wir uns im Schein der Petroleumlampe ins Cockpit setzen. Seit einigen Jahren können wir dann zum Bett bauen Licht anschalten, ein ungeheurer Luxus! Trotzdem ist Strom ein kostbares Gut, nicht jede Nacht können wir unsere Batterie aufladen, und so wird Strom nicht verschwendet – muss das Licht noch brennen?

Vieles klingt vielleicht für manchen wirklich nach Einschränkung, aber für uns ist es die Rückbesinnung auf das Wichtige – wer denkt schon zu Hause daran, wieviel Wasser zum Abwaschen benötigt wird? Wer jeden Liter im Kanister an Bord trägt, der bekommt schon eine gute Vorstellung davon. Das Leben im Cockpit, und damit in der ständigen Nähe zu den Nachbarn, lässt einen auf der einen Seite kommunikativ werden, sorgt aber auch für das Verständnis von Privatsphäre – Wasser trägt Schall besonders gut, und viele ahnen nicht einmal, was aus den Salons ihrer dicken Pötte durch den Hafen dringt.

Wir verbringen auf LOTTE unsere Freizeit und unseren Urlaub – eine Zeit in der wir leben wollen, etwas erleben wollen! Und wenn wir dann abends, nach getaner Arbeit und einem erfüllten Tag, beim Schein der Petroleumlampe mit Tee und Pfeife im Cockpit sitzen, dann scheinen einige der Vorbei gehenden dieses zu ahnen: „Euch gehts aber gut!“

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