Folkeboot Lotte

ein halbes Jahrhundert auf der Ostsee

 

Tag 23 – Wunde Füße und Sonnenbrand (02/VIII)

Was für ein perfekter Tag für einen Besuch in København! Während Robbi noch nach einem Bäcker sucht, nutze ich die phantastischen Sanitäranlagen des Hafens und dusche erstmal ausgiebig. Dann heißt es: landfein machen, kurz frühstücken und ab in den Trubel der dänischen Hauptstadt.

Der Hafen Langelinie liegt in einer parkartigen Umgebung direkt am Kastell und so beginnt unsere Tour zum 2km entfernten Zentrum quasi schon beim Verlassen des Bootes. Wir folgen dem Wasser und stehen schon nach wenigen Metern in einer riesigen Gruppe von Touristen, überall klicken die Kameras oder ragen die Selfiesticks in die Höhe – wir stehen an der Lille Havfrue, der berühmten Bronzefigur der kleinen Meerjungfrau. Die Sitzfigur auf einem Findling hat ihr Vorbild in dem gleichnamigen Märchen des dänischen Dichters Hans Christian Andersen. Mit einer Höhe von 125 cm gilt das Kunstwerk nach dem Entwurf von Edvard Eriksen als eines der kleinsten Wahrzeichen der Welt.

Die Figur zeigt die jüngste und anmutigste der sechs Töchter des Meerkönigs und hat eine bewegte Geschichte. Der Kopenhagener Bildhauer Edvard Eriksen (1876–1959) schuf die Skulptur, die zum Wahrzeichen Kopenhagens werden sollte, im Auftrag von Carl Jacobsen, einem Kunstmäzen und Sohn des Firmengründers der in Kopenhagen ansässigen Carlsberg-Brauerei. Der Künstler ließ sich von der Figur der Jeanne d’Arc von Henri Chapu in der Ny Carlsberg Glyptothek inspirieren. Den Kopf gestaltete er nach dem Vorbild der Primaballerina Ellen Price, die 1909 in Kopenhagen als Hauptdarstellerin eines Balletts gleichen Namens sehr beliebt war. Der Körper wurde nach dem Vorbild seiner Ehefrau Eline geschaffen, da Price es abgelehnt hatte, dem Künstler als Aktmodell zu dienen.

Am 23. August 1913 wurde eine Kopie der 175 kg schweren Figur an ihrem heutigen Platz aufgestellt, das Original wird von den Nachfahren Eriksens an einem unbekannten Ort aufbewahrt.

Die Statue wurde immer wieder Opfer von Zerstörungen und Verunstaltungen. So wurden 1964 der Kopf, 1984 der rechte Arm und 1998 wieder der Kopf abgesägt. 2003 wurde die Figur, wahrscheinlich mit Hilfe von Sprengstoff, vom Felsen gestürzt. 2007 und 2017 fanden Sprühattacken statt, doch die Skulptur wurde immer wieder restauriert und gegebenenfalls ergänzt, wozu auch eine der beiden noch vorhandenen originalen Gipsfiguren herangezogen wurde.

Ende März 2010 wurde die Figur entfernt und von Mai bis Oktober im dänischen Pavillon der Expo in Shanghai gezeigt. Um die vielen Besucher nicht zu enttäuschen, wurde stets ein Livebild aus China übertragen – leider hatte man nicht den Zeitunterschied berücksichtigt, und so sahen die Besucher fast immer einen schwarzen Bildschirm. Im Anschluss kehrte sie an ihren angestammten Platz zurück.

Da alle ein Photo machen wollen, verzichten wir auf eins und schlendern weiter am Ufer entlang – während wir uns dem Zentrum nähern, wird es langsam immer heißer.

Funde belegen, dass in dieser Gegend schon in der Vorzeit Menschen gelebt haben, aber erst im 11. Jahrhundert wird der Ort unter dem Namen „Havn“ erwähnt. „Havn“ war jedoch nur ein Dorf von mehreren, deren Namen sich noch in den Stadtteilen wieder finden (z.B. Valby). 1167 schenkte König Valdemar der Große die Burg Havn, mit der dazugehörenden Stadt, dem Bischof Absalon von Roskilde, der die Festung Slotsholmen erbauen ließ. Schon bald musste die Lübecker Hanse um die Stellung der Stadt Lübeck als Haupthafen in der Ostsee bangen.

Dieser Entwicklung wollten die Lübecker nicht tatenlos zusehen. Sie brannten den Ort und die Burg im Jahr 1248 nieder. Dieser Angriff konnte die Entwicklung der Stadt dennoch nicht aufhalten. Anfang 1400 wurde København das Zentrum der Nordreiche Dänemark, Norwegen und Schweden.

Unter dem volksnahen König Hans erlebte Kopenhagen im 15. Jahrhundert eine Blütezeit. Engländer und Holländer wurden zur Belebung des Handels in die Stadt geholt.

Zur Zeit der Grafenfehde, die durch ein Blutbad König Christian II. an schwedischen Adligen ausgelöst worden war, herrschte Christoph von Oldenburg über Kopenhagen. Er kämpfte für die Rückkehr des Königs und gegen die Reformatoren für die katholische Kirche. Seit der Befreiung der Stadt durch Graf Johann Rantzau für König Christian III. setzte sich jedoch die lutherische Lehre durch und wurde Staatsreligion.

In der Folgezeit wüteten, bedingt durch die Enge und die miserablen hygienischen Verhältnisse, Pestepidemien in København, in der Stadt; obwohl immer mehr Menschen nach Kopenhagen kamen, ließen die Stadtmauern ein Wachstum der Stadt nicht zu. Infolge der guten Befestigungen war es andererseits möglich, sich 1658 und 1659 erfolgreich gegen die Schweden zu verteidigen und sich um 1700 auch gegen die Holländer und Engländer zur Wehr zu setzen.

1728 und 1795 zerstörten Großbrände die Altstadt und so wurden beim Wiederaufbau die Straßen breiter angelegt, es entstanden vornehme Bürgerhäuser. Um 1730 verhalfen die florierenden Handelskompanien der Stadt zu Wohlstand. Die Werften von Christianshavn hatten Hochkonjunktur.

Anfang 1800 setzte die britische Kriegsflotte København und seinen Bürgern schwer zu. 1809 musste sich die Stadt nach schwerem Bombardement den Engländern ergeben, die die gesamte dänische Kriegsflotte konfiszierten.

1813 folgte der Staatsbankrott, aber die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich nicht vollends und København entwickelte sich mehr und mehr zum geistigen und kulturellen Mittelpunkt des Nordens. Erfolgreich kämpften Kopenhagener Bürgerrechtler dafür, dass Dänemark 1848 konstitutionelle Monarchie wurde. 1867 wurde die Festung niedergelegt.

Auf der Höhe des königlichen Schlosses verlassen wir das Wasser und betreten den großen, achteckigen Schlossplatz Amalienborg Plads mit dem Reiterstandbild Frederiks V.. Schloss Amalienborg wurde 1749 bis 1760 errichtet und besteht aus vier gegenüber liegenden Palästen, auf denen eine große königliche Flagge die Anwesenheit der Königin (oder Mitgliedern der königlichen Familie) anzeigen würde. Leider ist die Königin auf Sommerreise und so findet der alltägliche Wachwechsel um Punkt 12 Uhr leider ohne Kapelle statt.

Da es noch eine Stunde bis zur Wachablösung dauert, besichtigen wir zuerst die Frederikskirke, auch „Marmorkirche“ genannt, die mit ihrer 45 m hohen freskengeschmückten Kuppel, eine der größten Europas und ein Abbild des Petersdoms in Rom ist. Im Inneren sind Denkmäler bedeutender Persönlichkeiten des Christentums, wie Moses oder Martin Luther aufgestellt.

Um kurz vor 12Uhr stehen wir in der Pole-Position auf dem Amalienborg Plads und beobachten die Wachablösung.

Vom Schloss aus geht es erstmal wieder ans Wasser, aber nicht an den großen Hafen, sondern zum Nyhavn. Dieser Hafenarm ist mit seinen Giebelhäusern entlang der gleichnamigen Straße einer der meist besuchten Orte Kopenhagens und ein Zentrum der Gastronomie.

Am westlichen Ende des Nyhavns befindet sich Kongens Nytorv („Königlicher Neuer Markt“). Von diesem größten und wichtigsten Platz der Stadt führen sternförmig ein gutes Dutzend Straßen weg. An dem Platz mit einem Standbild Christians V., volkstümlich auch „Hesten“ – das Pferd – genannt, liegen das Königliche Theater, das Kaufhaus Magasin du Nord, das Thotts Palais (1685) und das in den Jahren 1672 bis 1683 erbaute Schloss Charlottenborg. Es beherbergt heute die Kunstakademie und steht in Verbindung mit dem neuen Kunstausstellungsgebäude.

Wir lassen den Nyhavn aber erstmal relativ unbeachtet, passieren ihn über eine Brücke und lenken unseren Schritt Richtung Schloss Christiansborg. Nachdem wir an der Nationalbank vorbei gekommen sind, stehen wir vor Børsen, der ehemaligen Kopenhagener Börse. Dieser Renaissancebau entstand zwischen 1619 und 1640 und ist mit seinem 54 Meter hohen Turm in Form von verschlungenen Drachenschwänzen ein weiteres Wahrzeichen der Stadt. Bis 1974 diente das Gebäude dem ursprünglichen Zweck, seither wird es als Bürogebäude genutzt.

Kurz überlegen wir, über die Knippelsbro, eine Klappbrücke über den Inderhavn, nach Amager zu laufen, aber der Stadtteil Christianshavn ist einen eigenen Besuch wert und wir haben noch viel vor und sind ja gerade auf dem Weg zum Schloss Christiansborg. Christiansborg Slot, das seit 1918 Sitz des Parlaments ist, befindet sich an der Stelle der von Bischof Absalon im Jahre 1167 erbauten ersten Burg Kopenhagens. Der heutige Gebäudekomplex mit dem 90 Meter hohen Schlossturm entstand erst Anfang des 20. Jahrhunderts. Einer der Gründe für die vielen Besucher ist sicherlich die Möglichkeit, diesen Turm kostenlos zu besuchen und von oben einen herrlichen Blick über die Stadt schweifen zu lassen. Wir stellen uns in die Schlange, genießen erstmal den Schatten in dem kühlen Torbogen und fahren dann nach oben. Kopenhagen präsentiert sich bei bestem Wetter.

Von Christiansborg Slot führt unser Weg Richtung Tivoli. Der gegenüber dem Hauptbahnhof gelegene Freizeitpark ist einer der ältesten Freizeitparks der Welt (der älteste, Dyrehavsbakken, liegt im Norden der Stadt), aber uns ist nicht nach noch mehr Menschen, so folgen wir dem H.C. Andersens Boulevard, an dem sich auf dem Rådhusplads auch das Rathaus befindet. Es wurde zwischen 1892 und 1905 im Stil der italienischen und normannischen Renaissance erbaut und ist mit vielen Skulpturen geschmückt. Der Rathausturm ist mit 105,6 Metern Dänemarks höchster Turm.

Bevor wir uns in den Trubel der berühmten Einkaufsstraßen Strøget und Strædet begeben, machen wir erstmal Pause und essen zu Mittag. Nach all dem Laufen in der Hitze tun die Füße schon recht weh, zumal meine Sandalen sich bei unserer Wanderung auf Hallands Väderö aufgelöst haben und ich mit Robbis Bootsschuhen laufen muss.

Den Nachmittag schlendern wir durch die kleinen Straßen der Altstadt, trinken Kaffee und enden schließlich wieder am Nyhavn, der jetzt in perfektem Licht ein phantastisches Photomotiv bietet. Wir wollen noch nichts essen, und für ein kurzes Nickerchen ist LOTTE zu weit weg, da entscheiden wir uns für eine Bootsfahrt durch Hafen und Kanäle. Für 50 Kronen pro Person lassen wir uns die Stadt von einer anderen Seite zeigen und erfahren in einer Mischung aus perfektem Dänisch, Englisch und Deutsch viel über die Stadt mit einer großen Prise Humor.

Im Hafen lernen wir, dass hier jeden Tag ein Salut zu Ehren der dänischen Flagge gefeuert wird, dass vom Dach der Oper jedes Jahr Cliff-Diving-Wettbewerbe gestartet werden und dass die neue Müllverbrennungsanlage eine schräge Seite besitzt, da dort eine Skipiste entsteht.

Weiter geht die Fahrt durch die Kanäle von Christianshavn, und jetzt sehen wir auch die Frelsers Kirke (Erlöserkirche). Dieser barocke Bau besitzt den mit 93m zweithöchsten Turm Kopenhagens. Er ist Wahrzeichen des Stadtteils Christianshavn und lässt sich von außen über eine 1752 konstruierte Wendeltreppe besteigen.

Viel zu schnell ist die Stunde vorbei und unter ehrlich verdientem Applaus legen wir wieder im Nyhavn an, wo wir uns erstmal ein Bier und eine Kleinigkeit zu essen gönnen. Lange sitzen wir in einem der vielen Lokale, bevor wir uns in der Dämmerung zurück Richtung Langelinie aufmachen. Dieses Mal laufen wir durch die Stadt und schaffen es, kurz vor der nächtlichen Schließung, noch durch das Kastellet, einem Überbleibsel der alten Stadtbefestigung. Unterhalb der alten Festungswälle wartet LOTTE auf uns und wir sind kaum an Bord, da fallen wir hundemüde in die Koje und schlafen fast sofort ein.

Tag 24 – Südwärts! Ohne Wind… (03/VIII)

Wir wären gerne noch einen Tag in Kopenhagen geblieben, aber die Wetterprognose kündigt eine Front mit Starkwind aus Westen an und den wollen wir lieber in einem geschützten Hafen südlich der Køge und Fakse Bugt abwettern.

So verlassen wir bei bestem Wetter und leichten nordwestlichen Winden den Hafen von Kopenhagen und segeln entlang der Küste von Amager gen Süden. Die ersten Meilen machen wir auch gute Fahrt, dann aber nimmt der Wind mehr und mehr ab, dreht auf Süd und wir treiben in der Mitte der Køge Bugt. Als sich unsere Ankunftszeit in Rødvig stabil weit in den nächsten Tag schiebt, starten wir den Motor und wie so oft auf dieser Reise schiebt sich LOTTE durch die spiegelglatte See.

In der Ferne tauchen die Kreidefelsen von Stevns auf, sie bilden einen guten Punkt für die Ansteuerung von Rødvig. Sie lassen sich zwar mit den gewaltigen Kreidefelsen von Møn nicht vergleichen, sind aber ebenfalls ein beeindruckendes Naturerlebnis –  die 15km lange Abbruchkante ist immerhin bis zu 40m hoch. Sie beginnt nordöstlich von Rødvig und endet 2km vor Bøgeskov.

Hauptattraktion dieser Klippenformation ist die zum Teil ins Meer gestürzte Kirche von Højerup, 4km nordöstlich von Rødvig. Einem Fischer soll die Klippenkirche zu verdanken sein: Er hatte in Seenot gelobt, eine Kapelle auf die weißen Felsen zu bauen, wenn er mit dem Leben davonkommen würde, und er wurde gerettet.

1350, etwa 100 Jahre nach ihrem Bau, hatte man die Kapelle bereits zur Kirche ausgebaut, unterschätzte allerdings die zerstörende Kraft des Meeres, das den Felsen und das Fundament der Kirche untergrub. Der Kirche half es nicht, dass sie nach der Sage jede Weihnachten einen Hahnenschritt landeinwärts macht, um dem drohenden Abgrund zu entgehen. Während eines Frühlingssturmes im Jahre 1928 stürzte der Chor in die Tiefe.

Wir steuerten LOTTE direkt unter die Klippen und im Abstand von ca 150m ging es dann Richtung Hafen. Kurz vor der Kirche, die heute durch einen Betonsockel für begrenzte Zeit gesichert ist, müssen wir aber leider wieder aufs Meer hinaus, denn die ganze Küste ist voller Stellnetze. So sehen wir von der 100m landeinwärts gebauten neuen Kreidesteinkirche nur die Turmspitze und erreichen mit Sonnenuntergang den Hafen von Rødvig.

volle Distanz: 33.65 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.12 knots
Gesamtzeit: 09:55:05

Schnell finden wir einen kleinen Platz in dem ansonsten komplett überfüllten Hafen, tuchen auf und gehen eine Kleinigkeit essen – auf Kochen hat keiner von uns mehr Lust. Nach dem Essen machen wir noch einen kleinen Gang durch den Hafen, der einstige Stapelplatz des Gutes Gjorslev wuchs nach dem Hafenbau so schnell, dass er schon 1875 eine Eisenbahnverbindung erhielt und seither Endstation der Ostsjælländischen Eisenbahn und heute der zweitgrößte Fischereihafen auf Sjælland ist.

Leider kann man zu so später Zeit keine Museen mehr besuchen, aber wir nehmen uns für das nächste Mal fest den Besuch vom Stevnsfort Museum vor. Hier, an der ehemals vordersten Frontlinie, kann man Relikte des Kalten Krieges in den einst atomsicheren Spionageanlagen besichtigen.

Tag 25 – Die Front kommt (04/VIII)

Gegen Mittag soll die Front uns erreichen, ab 15Uhr sind Gewitter und Starkwinde aus Westen vorhergesagt. Daher stehen wir früh auf und tatsächlich sind dieses Mal noch nicht alle anderen bereits ausgelaufen.

Auf dem Weg zur Toilette beobachten wir einen Fischotter (oder vielleicht doch einen Mink), wie er aus dem Becken für die Kinder ein paar Fische klaut – leider haben wir keine Kamera dabei. Dann wird schnell gefrühstückt und schon setzen wir die Segel und lenken LOTTE Richtung Bøgestrøm. Bei bestem Wetter kreuzen wir das Enge Fahrwasser auf und schon bald erreichen wir die Stege Bugt, gern wäre ich in den niedlichen Hafen von Nyord gesegelt, aber dort wird morgen der Wind komplett drauf stehen und außerdem ist die Versorgungslage dort nicht so gut.

Hart am Wind geht es weiter in den Ulvsund. Hier, querab Langø, erwischt uns das erste Gewitter und wir bergen in den starken Böen lieber das Groß. Da wir bereits an Kalvehave vorbei sind, bleiben wir bei unserem urprünglichen Plan und laufen weiter Richtung Vordingborg – die Meilen vor Farø stellen uns aber vor eine ziemliche Aufgabe… Der Wind pfeift von vorne, der Strom steht gegen uns.

Kurz vor dem Hafen ist dann alles vorbei, Vordingborg empfängt uns bei schönster Sonne und mit einem sehr geschützten Hafen. Durch die umwaldete Bucht bekommen wir von dem steifen West fast nichts mit, und haben trotz des Stadthafens das Gefühl, dass wir in einer ruhigen Ankerbucht liegen.

volle Distanz: 29.56 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.63 knots
Gesamtzeit: 06:48:01

Wir legen an der Pier, direkt vor dem Hafenmeister, an und schnell ist LOTTE wieder sauber und trocken – nach kurzer Zeit fühlt sich alles wieder nach Urlaub an.

Während Robbi noch etwas räumt, kaufe ich ein und nach einem kurzen Schauer kochen wir in Ruhe und werden dann von Christiane und Jochen zu einem Drink auf ihrer Socorro eingeladen – es wird ein schöner (und ziemlich langer) Abend.

Tag 26 – Urlaub in Vordingborg (05/VIII)

Wenn es draußen weht, dann kann man auch mal länger schlafen (vor allem, wenn der Abend vorher auch noch so lang war). Wir genießen das späte Frühstück und dann machen wir einen kleinen Gang durch die sonntäglich ruhige Stadt.

Die Burg von Vordingborg war eine der stärksten und bedeutendsten des gesamten Nordens. Auf 30.000 Quadratmetern Fläche waren außer den acht Festungstürmen, Kuh- und Pferdeställe, Waffenarsenale, Versammlungssäle, Schreibstuben, eine Schmiede und vieles mehr untergebracht. Die Wehrmauer der um 1160 errichteten Verteidigungsanlage war 800 Meter lang, acht Meter hoch und sieben Meter dick. Ein tiefer Wallgraben um gab die Mitte des 14. Jahrhunderts von Waldemar Atterdag ausgebaute Königsburg.

Bedauerlicherweise ist von der wuchtigen Anlage nur ein Turm wirklich erhalten: der Gänseturm. Man sollte dieses knapp 30m hohe Bauwerk mit den drei Meter dicken Mauern schon wegen des schönen Rundblicks hinaufsteigen. König Waldemar ließ eine Goldgans auf der Turmspitze anbringen – als Spott gegen die Kriegserklärung der Hansestädte im Jahr 1368. Sie schnattert nach Süden, Richtung Hanse. Die Antwort auf die Verspottung der Lübecker als eine Schar schnatternder, fetter Gänse, ließ nicht lange auf sich warten. Die Hanse brachte dem König zahlreiche Niederlagen bei, aber das mächtige Vordingborg konnten die Lübecker nicht einnehmen.

100 Jahre später ergaben sich die Vordingborger trotz der starken Festung den Schweden kampflos, weil es ihnen wegen einer wirtschaftlichen Flaute an Waffen und Soldaten fehlte. Außerdem hatte zuvor die Pest viele Vordingborger das Leben gekostet und ihnen die Kraft für die Verteidigung ihrer Stadt genommen. Nach dem Abzug der Besetzer war die seinerzeit einmalige militärische Anlage weitgehend zerstört.

An den unter Denkmalschutz stehenden und nachts beleuchteten Mauerresten der Burg ist gut zu sehen, wie die Festungsmauern erbaut wurden. Den Kern bildeten Feldsteine, es folgten ziegelartige Materialien und schließlich die äußeren Ziegelsteine. 1670 entstand auf dem Burgplatz ein barockes Jagdschloss, das allerdings im 18. Jahrhundert wieder abgerissen wurde.

Mehrfach residierten im Mittelalter dänische Könige in der Burg und bis in das 13. Jahrhundert hinein tagte in Vordingborg der Danehof. Dennoch blieb Vordingborg gemessen an seiner militärischen Anlage unbedeutend. Bescheidenen Wohlstand brachten die Heringsmärkte in Falsterbo, an denen die Bürger von Vordingborg um 1500 teilnahmen.

Die Vordingborger Liebfrauenkirche ist für ihre hervorragende Akustik bekannt. Bis in den entferntesten Winkel der Kirche ist zu hören, was mit leiser Stimme von der Kanzel aus gesprochen wird. Anscheinend haben sich einige Pastoren so an dieser Akustik berauscht, dass sie die Dauer der Predigt über die Maßen ausdehnten. Diese Vermutung drängt sich angesichts der beiden an der Kanzel angebrachten Stundengläser auf.

Vordingborg ist seit alters her ein Fährplatz mit Verbindungen nach Lolland und Falster. 1886 erhielt die Stadt über Gedser eine Fährverbindung nach Deutschland, die jedoch keine große Rolle mehr spielte, nachdem 1938 die Storströmbrücke nach Falster fertig gestellt worden war. 1985 wurde dann sechs Kilometer östlich davon die moderne Farø-Brücke eingeweiht. Hier wurden 50.000 Kubikmeter Beton verarbeitet. Der Nordhafen hinter der Landspitze von Oringe war vor 1000 Jahren als Naturhafen ein beliebter Kriegshafen der Wikinger. Von der geschützten Bucht aus stach im 11. Jahrhundert mehrmals die Wikingerflotte unter der Führung von Bischof Absalon gegen die Wenden in See. In der Einfahrt des Hafens hat man Überreste von Pfahlsperren aus der Wikingerzeit gefunden.

Westlich von Vordingborg ragt die schmale Landzunge Knudshoveodde rund 15km in das Smålandsfahrwasser hinein. Sie befindet sich zwar in Privatbesitz, darf aber erwandert werden, was unbedingt zu empfehlen ist. Das Autofahren ist nur bis zum Parkplatz am Wald Knudskov erlaubt. Den Rest des Weges bis nach Knudshoved muss man zu Fuß zurücklegen. Zehn Steinzeitgräber –  darunter fünf Ganggräber – sind auf der Landspitze Knudshoved zu entdecken. Aber das eigentliche Erlebnis ist auf der Halbinsel die weitgehend intakte Natur. Da die Halbinsel nicht als Acker-, sondern als Weideland genutzt wurde, sind hier viele seltene Tier- und Pflanzenarten zu finden. So lebt hier noch die fast ausgestorbene Feuerkröte. Von den Hügeln des schmalen Landstreifens aus hat man bei klarer Sicht einen hervorragenden Ausblick auf das gesamte Smålandsfahrwasser.

Als ein weiteres Ausflugsziel bietet sich zehn Kilometer nördlich von Vordingborg die Gedächtnisstube von Nicolaj Frederik Severin Grundtvig in dem Dorf Udby an. Der Gründer der Volkshochschulen und kirchliche Reformator wurde im Pfarrhaus von Udby am 8. September 1783 geboren. Als Kämpfer für ein menschenfreundlicheres Christentum wurde er von konservativen Kirchenmännern stark angefeindet. Das Werk „Die Mythologie des Nordens“ ist seine bedeutendste Schrift.

Nach der kleinen Sightseeing-Tour geht es zurück an Bord, wo wir den Nachmittag über bloggen, kochen, bloggen, futtern und abends Joachim und Christiane zu einem Gegenbesuch empfangen. Eigentlich wollten die beiden sich LOTTE nur mal angucken, dann sitzen wir doch einige Stunden zusammen und quetschen uns in die kleine Kajüte.

Tag 27 – Eine neue Insel (06/VIII)

Über Nacht pustet es noch gewaltig, aber im Laufe des Vormittags nimmt der Wind doch merklich ab. Um es morgen nicht zu weit zu haben, beschließen wir gegen Mittag, Vordingborg Richtung Smålandsfarvandet zu verlassen und eine der kleinen Inseln in diesem Seitengewässer des Großen Belts anzulaufen.

Bei schönster Sonne und einem steifen West laufen wir rund Masnedø – die Brücke zwischen der Insel und Sjælland ist leider zur Zeit gesperrt – und in das freie Wasser zwischen Sjælland, Lolland und Falster. Leider ist der Wind mehr als unstet, und so planen wir alle paar Minuten unser Tagesziel um: Mal können wir Agersø halten, dann sieht es nach Femø aus – mal südlich herum, mal nördlich.

Nach einigem Hin und Her entscheiden wir uns für Femø, einem weiteren neuen Ort auf dieser Reise.

volle Distanz: 23.26 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.22 knots
Gesamtzeit: 06:00:13

Femø begrüßt uns bei bestem Sommerwetter und mit den Resten des gestern geendeten Jazzfestivals. Überall wird geräumt, lange Fahrzeug-Schlangen warten auf die Fähre und man merkt irgendwie, dass die Insel wieder etwas zur Ruhe kommen will.

Femø wird in Valdemar Sejrs Grundbuch im Jahr 1231 als Fymø, was so viel wie Schaum bedeutet, das erste Mal urkundlich erwähnt. Drei große Steingräber in Nørreby beweisen allerdings, dass die Insel schon seit Urzeiten bewohnt ist. Auf den Äckern und Wiesen entdeckte Gürtelschnallen, Armringe und Ketten aus der Steinzeit belegen die frühe Besiedlung, die bis zu einem Überfall der Wenden andauerte. Die Seeräuber wüteten derart auf der Insel, dass sie anschließend für Jahre unbewohnt blieb. Erst allmählich ließen sich wieder Bauern nieder. Femø wurde Königsgut.

Die Insel besteht aus hügeliger Moränenlandschaft, deren höchster Punkt der 22 Meter hohe Issemoseberg ist. Moorgebiete, Landwirtschaft und Obstplantagen prägen die Insel. Die Moore, wie das Østemose, das Bastemose oder das Langemose, sind von Bäumen umsäumt.

Durch ein trocken gelegtes Tal ist die Insel in zwei Hälften geteilt. Die Dörfer Nørreby und Sønderby sind die Zentren der beiden Inselteile. Die Häuser der Insel standen früher ausschließlich in diesen beiden Dörfern. Alle Wege führen daher sternförmig auf Nørreby und Sønderby zu. Vom an der Westküste der Insel gelegenen Hafen führen zwei Straßen zu den beiden Inseldörfern, die nordöstliche Straße führt nach Nørreby und die südwestliche nach Sønderby.

Auf dem Weg nach Sønderby kommt man an der 1527 erbauten Kirche vorbei, deren Kalkmalereien durchaus einen Blick wert sind. Ein Taufbecken aus dem 13. Jahrhundert, eine Kanzel des Jahres 1580 und ein Kruzifix aus der Zeit um 1200 sind weitere Sehenswürdigkeiten des Gotteshauses. An den draußen an der Kirche angebrachten Ringen wurden vor dem Gottesdienst früher die Pferde angebunden.

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