Folkeboot Lotte

ein halbes Jahrhundert auf der Ostsee

Tag 6 – Die drei schönen Schwestern (24/VII)

Nach dem schönen Abend schlafen wir erstmal in Ruhe aus und suchen dann einen „richtigen“ Platz für LOTTE. Gegen 10 Uhr, unsere Nachbarn sind noch alle am Frühstücken, ist schon wieder reichlich Platz im Hafen, und so brauchen wir uns nur ein kurzes Stück entlang der Pfähle zu ziehen.

Da wir mit dem Bug nach Osten liegen, reicht es die Schlafsäcke über den Baum zu legen – während diese lüften, haben wir ein wenig Schatten. Wir sind kaum mit dem Abwasch nach dem Frühstück fertig, da kommen auch schon Erik und seine Frau: Es wird Zeit für ein kühles Bierchen und danach ein Eis.

Während die Sonne immer höher steigt, werden wir trotz Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor immer roter – wir brauchen dringend Schatten! Aus unserer Plane, die wir normalerweise als leichten Regenschutz nutzen, bauen wir ein Sonnensegel und so lässt es sich noch einige Zeit im Cockpit aushalten, dann wird es auch im Schatten zu heiß. Daher verholen wir uns nach dem Besuch der beiden in die Kajüte, lesen und planen die kommenden Tage.

Im südlichen Kattegat, nördlich von Fyn liegen drei Inseln: Samsø, Tunø und Endelave. In vielen Reisführern werden sie als „die drei schönen Schwestern“ bezeichnet und ihre Schönheit macht sie zu beliebten Reisezielen. Während auf  Samsø und Tunø vor allem Deutsche in den Häfen zu finden sind, scheint Endelave bei den Dänen beliebter zu sein – ein Grund, warum wir uns hier so wohl fühlen.

In den letzten Jahren hat sich Endelave als „Aktiv-Insel“ einen Namen gemacht, jeden zweiten Morgen in der Hauptsaison, pünktlich um 10Uhr, finden sportliche Aktivitäten auf der Wiese am Hafen statt und jeder, egal ob Einwohner oder Feriengast, ist herzlich eingeladen mitzumachen. Ob beim gemeinsamen Yoga, Nordic-Walking oder den ersten Versuchen auf einem SUP – jeder findet etwas. (Am liebsten hätte Erik uns kommende Woche noch mal zu Besuch, denn dann gibt es eine Stunde Aikido.)

Als es gegen Abend wieder etwas kühler wird, gibt es erst ein leichtes Essen und dann einen Spaziergang durch das Dorf. Auf einmal hören wir eine Fahrradklingel, Erik „wollte nur mal nach dem Rechten schauen“. Das unser spontanes Treffen direkt neben dem Kro stattfindet, sehen wir als eine Art Vorsehung und testen gleich mal die lokale Braukunst.

Nach ein paar kühlen Bierchen verholen wir uns auf LOTTE, dort müssen nicht nur die Flaggen eingeholt werden, es warten auch noch einige Flaschen auf Verkostung durch Erik.

Tag 7 – Auf dem Präsentierteller (25/VII)

Wieder fühlen wir schon vor dem Aufstehen die knalle Sonne auf dem Kajütdach – trotz des weißen Lacks und einer spiegelnden Oberfläche wird es sehr schnell heiß und stickig. So gibt es nur ein kurzes Frühstück, bevor sich auch schon unser Abschiedskomitee einfindet – schnell wird alles segelklar gemacht und dann geht es auch schon aus dem Hafen und Kurs Nord.

Unser Ziel ist Mårup im schönen Norden der Insel Samsø. Bei einem herrlichen Ost machen wir gute Fahrt, dann aber müssen wir hart an den Wind und es wird nass – Ölzeug im Hochsommer, ganz toll. Wir erreichen den Hafen am frühen Nachmittag und er scheint auf den ersten Blick schon überfüllt zu sein, aber das gilt nicht für ein Folkeboot! Während ein paar Idioten, die uns mit Vollgas noch kurz vor der Hafeneinfahrt überholt haben, noch immer suchend ihre Kreise drehen und dann als 6. in ein Päckchen müssen, finden wir einen traumhaften Platz direkt am Steg.

Einen kleinen Schock bekommen wir dann bei den Hafengebühren. Samsø ist zwar schon immer etwas teurer gewesen, aber wir hatten uns extra im aktuellen Sejlerens die Preise angeguckt und dort standen 160DKK für ein Boot in unserer Größe, dass für den Strom noch 10DKK und für die Dusche noch 20DKK oben drauf kommen, hat uns doch überrascht. Es gibt ohnehin schon kaum noch kleine Boote, aber warum machen es die Hafenbetreiber einem dann noch so schwer? Wir sind in eine Lücke gerutscht, in die kein großes Boot gepasst hätte – da könnte man auch etwas humanere Preise aufrufen.

Gesamtstrecke: 15.75 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 5.31 knots
Total time: 03:17:47

Eigentlich war es unser Plan den schönen Norden von Samsø unsicher zu machen, aber in der brennenden Sonne haben wir einfach keine Lust.

Der nördliche Teil dieser stark gegliederten Insel ist aber durchaus einen ausgiebigen Landgang wert. Was heute zu Samsø gehört, war einst ein eigenes Eiland und erst infolge der nacheiszeitlichen Hebung verlandete die Fahrrinne zwischen Nord- und Südinsel.

Vom Ballebjerg, dem mit 64m höchsten Punkt, der Gegend, hat man einen herrlichen Blick auf das Urstromtal Langdal und die Endmoränen der Nordby Bakker.

Samsø wurde bereits in der Steinzeit besiedelt und aufgrund seiner zentralen Lage in der Ostsee in der Wikingerzeit als Versammlungsort genutzt. Aus dieser Zeit stammt der Name der Insel. Das Verb „samle“ bedeutet versammeln und „Ø“ bedeutet Insel.

Die zentrale Lage macht die Insel auch zu einem strategischen Ort, so gruben die Wikinger um 726 den Kanhave-Kanal, ein flaches Fahrwasser an der schmalsten Stelle der Insel. Mit ursprünglich 500 Meter Länge und elf Meter Breite ermöglichte der Kanal die Verlegung von Schiffen und Flotten zwischen den Inselseiten.

Auch in späteren Zeiten verlor Samsø seine strategische Bedeutung nicht. Im Stavns-Fjord, am Ende von Besser Rev, kann man noch Reste von Wehrschanzen finden.

Heute gehört die Kommune Samsø zur Region Midtjylland. Sie ist nach Læsø und Fanø die drittkleinste Kommune Dänemarks. Diese drei – allesamt Inselkommunen, wie auch die nächstgrößeren Kommunen Ærø und Langeland – sind die einzigen dänischen Kommunen mit weniger als 5.000 Einwohnern.

Trotz der schönen Gegend bleiben wir aber an Bord, trinken Tee im Schatten und nach einem erfrischenden Bad im Kattegat macht Robbi sich alleine auf den Weg in den Ort und kauft etwas ein. Dann gibt es Essen und wir genießen den Abend an Bord.

An diesem Abend merken wir mal wieder die Bekanntheit des Folkebootes – auch wenn kaum mehr welche auf Fahrt gehen, so rufen sie doch gerade bei vielen älteren Seglern Erinnerungen hervor. Direkt am Hauptsteg liegen wir wie auf einem Präsentierteller und LOTTE nötigt fast jedem einen Kommentar ab: „Whow, was für ein Lack!“ „Das ist ja noch echtes Segeln!“ „Das ist aber eine Menge Arbeit…“ „Erinnerst Du Dich noch, damals, 74′, unser Törn nach Bornholm…“ „Auf so einem kleinen Boot würde ich ja nicht segeln wollen!“ „Papa, die haben ja gar keine Toilette!“

Tag 8 – Korshavn (26/VII)

So schön Samsø auch immer ist, bei dem Trubel der Hauptsaison reicht uns eine Nacht und dann zieht es uns in etwas ruhigere Regionen. Mit Blick auf die Wetter-Langzeitprognose verwerfen wir den Plan einen Abstecher nach Tunø (und damit noch mehr Trubel) zu machen und setzen Kurs Süd. Am Anfang bringt uns der frische Ost gut aus dem Hafen und unserem Ziel Korshavn entgegen, dann aber schläft er ein und wir brutzeln in der Sonne.

Auf der Höhe von Kolby Kås wollen wir schon fast in den schrecklichen ehemaligen Fährhafen laufen, als endlich wieder Wind aufkommt. Nun geht es flott südwärts und schon bald sehen wir Fyns Hoved, die Nordspitze von Fyn, hinter der sich der kleine Naturhafen von Korshavn befindet.

Viele gehen in der geschützten Bucht vor Anker, aber es gibt auch einen kleinen Steg und dieser ist unser Ziel – wieder finden wir eine kleine Box und LOTTE liegt fernab der hohen Plastikwände.

Gesamtstrecke: 22.39 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.33 knots
Total time: 05:32:59

Bucht und Hafen sind ein beliebtes Törnziel, das vor allem wegen der urwüchsigen Landschaft der Landzunge Fyns Hoved begeistert. Die kleinen Inseln in der Bucht südlich des Hafens lassen sich hervorragend mit dem Beiboot erkunden und hinter einem kleinen, geschickt in die Landschaft integrierten Wochenendhaus-Gebiet lädt die Nordspitze von Fyn zum Wandern ein.

Was den Hafen betrifft, so kann man also durchaus von einem einsamen Platz sprechen, erst recht in der Vor‑ und Nachsaison, wenn wenige Boote hier festmachen. Wer die Abgeschiedenheit mag und Ruhe sucht, hat mit Korshavn aber immer genau den richtigen Ort gewählt.

Einen Kaufmann kann man beim 2km entfernten Campingplatz finden, aber wer außerhalb der Hauptsaison dort Brötchen kaufen möchte, kann vor verschlossenen Türen stehen – auch das Schild mit den Öffnungszeiten am Hafen ist kein Verlass.

Uns zieht es nach einem Bad und dem Abendessen auch Richtung Fyns Hoved, die Sonnenuntergänge über dem Wasser sind einmalig. Auf einem Hügel mit Aussichtsplateau finden wir einen tollen Ort für Photos und genießen den Abend am Kattegat.

Tag 9 – Ost oder West? (27/VII)

Jetzt, wo wir schon mit Zeit, und ohne Eile, nördlich von Fyn sind, würden wir die Insel gerne runden; also checken wir alle Wetterberichte und vergleichen vor allem die Langzeitprognosen: Es sieht nicht gut aus. Die kommenden Tage soll es auf Südost drehen und gerade in dem Bereich zwischen Langeland und Fyn im Mittel mit 5 bis 6 pusten. Bei dem Wind haben wir keine Lust zum Kreuzen und entscheiden daher, dass wir wieder nach Westen segeln.

Nach dem Frühstück verlassen wir unter Segeln Korshavn und kaum sind wir etwas draußen, da treibt uns ein frischer Südost in Richtung Æbelø. Ich liege mit ein wenig zum Lesen in die Kajüte, da höre ich Robbi die Schoten dichtholen – wie kann das sein? Ein Blick nach draußen zeigt sofort, dass der Wetterbericht mal wieder komplett daneben liegt; statt eines Südosts bläst jetzt ein strammer Nord und so erreichen wir bald Geschwindigkeiten von über 8 Knoten.

Bei diesem Wind überlegen wir kurz, ob wir nicht doch Fyn-Rund machen wollen, aber es läuft gerade so gut und außerdem freuen wir uns schon auf das tolle Fischbuffet in Bogense, unserem avisierten Tagesziel.

In strahlendem Sonnenschein und mit ordentlich Wind von hinten erreichen wir die Hafeneinfahrt des mit 760 Liegeplätzen größten Hafens von Fyn und haben in der Dünung einige Mühe mit dem Segelbergen.

Im Hafen finden wir zwar schnell eine gute Box in der Nähe der Sanitäranlagen, aber nachdem wir fest sind genügt ein Blick: Auf den modernisierten Stegen werden Wasser und Strom nach Verbrauch abgerechnet, da lohnt es sich nochmal einen Steg weiter zu verholen. 

Gesamtstrecke: 22.8 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 5.24 knots
Total time: 04:45:33

Bogense ist immer einen Besuch wert. Das Ambiente im alten Hafen, der zu dieser Jahreszeit in voller Länge im Sonnenuntergang liegt, und das schöne alte Städtchen mit seinen vielen Hinterhöfen bieten viel Sehenswertes. 

Nach dem phantastischen Buffet schlendern wir also noch durch die alten Gassen und sind genau zum Sonnenuntergang wieder an Bord. Die laute Musik aus dem Biergarten neben dem Steg stört zwar noch ein paar Minuten, aber dann hören wir den ersten Donner und mit dem Einsetzen des Gewitters ist der Biergarten ganz plötzlich leer – was für eine Ruhe.

Tag 10 – Eine verlängerte Pause (28/VII)

Sonne und ein kräftiger Nordost – was wollen wir mehr, um wieder Richtung Lillebælt zu laufen. Bei bestem Wetter verlassen wir nach dem Frühstück den Hafen von Bogense und nehmen, nachdem wir die Sandbänke vor der Hafeneinfahrt umrundet haben, Kurs auf Middelfart.

Durch die achterlichen Winde ist der Kurs nicht so angenehm, denn die von hinten laufende Welle lässt LOTTE ordentlich gieren. Trotzdem kommen wir gut voran und laufen schon bald durch die Reede nördlich von Stavrshoved. Je weiter wir in den Tragten laufen, desto wilder wird die See. Während der Nordost mit 5 bis 6 Windstärken genau in die sich verjüngende Meerenge rein bläst, laufen mehrere Knoten Strom in die entgegengesetzte Richtung und so entstehen sehr unangenehme Wellen.

Je dichter wir Strib, wo wir eine Pause machen und mit der Besatzung von Juri einen Kaffee trinken wollen, kommen, desto höher werden die Wellen. Dann, mit einem Schlag, ist plötzlich Ruhe. Im Wasser kann man das Ende der Wellen richtig sehen, es wirkt wie ein unsichtbare Mauer, die vom Leuchtturm in Strib ausgeht.

Nach all dem Geschüttel sind wir froh, dass wir endlich wieder in ruhigerem Wasser sind. Es sind nur noch wenige Meter bis zum Hafen, so bergen wir die Segel und laufen dem Begrüßungskommando auf der Mole entgegen. 

Gesamtstrecke: 12.24 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 3.65 knots
Total time: 03:40:57

Kaffee kochen, Kaffee trinken, nochmal Kaffee kochen. Kuchen futtern und viel Schnacken – im Nu ist es ziemlich spät geworden, und so beschließen wir spontan unsere Pause über Nacht zu verlängern. Es ist schön ohne Zeitdruck unterwegs zu sein, einfach länger an einem Ort zu bleiben und den Urlaub genießen. Ich werde nie verstehen, wieso einige ihre Liegeplätze vorab reservieren, nur um sich dann später selber unter Stress zu setzen.

Am Abend Essen wir zusammen. Eine geschützte Bank auf der Mole, zu der einen Seite die Boote und zu der anderen das Wasser – was will man mehr? Von unserem Platz aus sehen wir die Schweinswale vor dem Hafen jagen, beobachten den Sonnenuntergang und schnacken mit ein paar dänischen Jungs, die hier angeln.

Die Sonne ist schon lange hinter Fredericia verschwunden und wir wollen gerade im Schein der Petroleumlampe zusammen packen, da sind die Angler wieder da: „Du hattest doch gesagt, dass Du Hornhecht magst – ich mag ihn nicht, willst Du ihn haben?“ So kommen wir zu später Stunde noch an unser Mittag für morgen und ich fühle mich an unsere Familienurlaube in Schweden erinnert – wenn ich im Dunkeln mit meinem Vater vom Angeln kam, dann mussten erstmal die Fische gesäubert werden. Wie gut, dass wir jetzt eine Kühlbox an Bord haben, früher hätten wir keinen Fisch bis zum nächsten Abend halten können.  

Kategorien: Törns