Folkeboot Lotte

ein halbes Jahrhundert auf der Ostsee

Tag 16 – Mit dem Rad über Tåsinge (23/VIII)

Der Wind pfeift und sogar auf dem Svendborgsund zeigen sich kleine Schaumkronen, aber wir liegen gut geschützt hinter hohen Bäumen und dem hügeligen Ufer.

Kurz nach dem Frühstück, das wir alleine auf der schönen Terrasse des Clubhauses genießen, ergießt sich ein Sturzregen über Troense, danach wird es trocken. Das Regenradar zeigt dunkle Wolken um Tåsinge herum, aber wir sollen nichts abbekommen.

So organisiert Robbi ein paar der tollen Hafenfahrräder und dann machen wir uns auf den Weg zu Valdemars Slot. Die anderen sind noch auf ihren Booten beschäftigt und wir wollen uns später irgendwo auf der Insel treffen.

Das Schloss, am Ende einer sehr schönen Allee, befindet sich an der Stelle, an der die mittelalterliche Burg Kærsgård stand. König Christian IV. ließ die Burg teilweise abreißen, teilweise wurde sie aber auch in das neue Schloss integriert.

Das Schloss befindet sich noch heute im Besitz der Familie Juel, der dänische Admiral und Seeheld Niels Juel erhielt Tåsinge und das Schloss für seinen Sieg am 1. Juli 1677 bei der Seeschlacht von Køge.

Eigentlich wollen wir uns den Garten angucken, aber anders als bei unseren früheren Besuchen sind jetzt auch der Besuch vom Park und Garten kostenpflichtig. (Früher brauchte man nur für den Eintritt in die Gebäude ein Ticket, im Schloss befinden sich einige Prunkräume sowie das Jagd- und Trophäenmuseum.)

So radeln wir weiter über die Insel und müssen teilweise mit recht heftigem Gegenwind kämpfen – immerhin bleibt es aber trocken.

Als höchster Punkt, und damit weithin sichtbar, erhebt sich die Kirche Bregninge über die Insel. Jeder, der bei der Ansteuerung von Svendborg nicht nur auf seinen Plotter guckt, kennt das markante Gebäude und so wollten wir sie auch endlich einmal aus der Nähe sehen.

Auf dem Kirchhof treffen wir Lars, Martin und Olaf und gemeinsam erklimmen wir den Turm, von dem man eine perfekte Rundumsicht über die ganze Inselwelt hat. Klar erkennen wir jede Insel im Sydfynske Øhavet, auch wenn es oben ganz schön pustet. Von hier oben sieht man auch schon die angekündigten Regengebiete, über Ærø kommt einiges runter.

Gemeinsam radeln wir weiter und nach einem kurzen Einkauf für das gemeinsame Abendessen folgen wir ab Skovhuse einem kleinen Pfad entlang der Küste bis zu unseren Booten.

Abends nutzen wir gemeinsam die schöne Terrasse des Clubhauses, hier können wir alle zusammen im Windschatten sitzen und dabei leckeren Sild und frische Kartoffeln genießen.

Tag 17 – Die Eroberung von Birkholm (24/VIII)

Irgendwie erinnert mich dieser Morgen an unser Treffen mit Ike und Karin in Mårup: Die Naschkatzen haben am Vorabend Brombeeren entdeckt und damit muss es zum Frühstück Brombeerpfannkuchen geben.

Während ich in der kleinen Küche 1kg Mehl, 1l Milch, 15 Eier und zwei große Körbe Blaubeeren verarbeite, sitzen die 5 Junx und 2 nette Freundeskreisler (die die Eier beigesteuert haben) in freudiger Erwartung auf der Terrasse. Zusammen wird erst alles ver- und später geputzt – dann ruft die See!

Der Starkwind von gestern ist einer kompletten Flaute gewichen und die wollen wir nutzen, um nach Birkholm zu segeln. Der Masterplan ist einfach: Rainbow 1 (aka Molly G) wird auf direktem Weg das Ziel anlaufen, die Molenköpfe besetzen und dann die Regenbogenflagge über Birkholm hissen – Rainbow 2 (aka Songlines) und Rainbow 3 (aka LOTTE) werden Svendborg plündern und dann dazu stoßen.

Die ganze Operation klappt wie am Schnürchen, nur der Wind macht nicht so wirklich mit – weite Teile der Strecke müssen wir unter Motor zurücklegen, denn ansonsten würden wir 0 Knoten machen.

Olaf erwartet uns schon auf der Mole und natürlich gibt es kurz nach unserer Ankunft Kaffee und Kuchen – bei soviel Zuckerkram an einem Tag nasche ich erstmal etwas vom Räucherfisch für den Abend.

Gesamtstrecke: 13.8 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.85 knots
Gesamtzeit: 03:38:22

Nachmittags, um uns herum ziehen schon wieder Gewitter längs, machen wir noch eine Tour über die Insel – dann wird gebadet. Wir sind kaum trocken, da fängt es an zu regnen.

Zum Sonnenuntergang klart es nochmal etwas auf, das ist auch ganz gut, denn im letzten Licht des Tages kommen Martin und Ingo im Hafen an, die beiden sind mit ihrem neuen Boot auf Jungfernfahrt und wollen es natürlich gerne zeigen.

Als wir dann abends alle im großen Salon der HR sitzen, öffnet der Himmel seine Schleusen. Jetzt will keiner mehr draußen sein; die Speigatten können das Wasser auf den Decks kaum noch aufnehmen und als der Spuk zu Ende ist, ist es draußen saukalt.

Schnell verziehen sich alle auf ihre Boote, denn in der Ferne grollt schon wieder der Donner – wir bleiben aber von jedem Gewitter verschont.

Tag 18 – Alle Wege führen nach Ærøskøbing (25/VIII)

Seit gestern stehen alle Zeichen auf Sturm. Heute Nacht soll eine Front starken bis stürmischen Wind aus Süd bis Südwest bringen, morgen kommt der Regen und dann in der Nacht Sturm aus Nordwest. Wenn man geschützt liegen, gute Versorgung und Möglichkeiten zu Landausflügen haben will, gibt es nur ein Ziel: Ærøskøbing.

Wir genießen das Frühstück, dann werden die Boote aufgeklart und ich bekomme beim Fischer tatsächlich noch ein paar frische Krabben. Die Ostseekrabben sind zwar kleiner und damit schwieriger zu pulen als die aus der Nordsee, der Geschmack ist aber super. Kurz vor dem Ablegen koche ich sie noch, dann wandern sie bei Songlines in den Kühlschrank.

Jetzt heißt es Abschied nehmen. Olaf will nach Fynshav, denn dort will sein Mann ihn übers Wochenende besuchen, Martin und Ingo haben noch keinen Plan.

So gibt es noch ein Gruppenbild mit Hund, dann setzen wir schon im Hafen die Segel und schnell verschwindet Birkholm achteraus.

Da wir die letzte Meile kreuzen müssen, überholt uns Songlines noch kurz vor dem Ziel, dann sind wir aber auch schon an der Einfahrt zum Yachthafen. Lars und Martin wären wohl lieber in den alten Hafen gegangen, aber dort haben wir immer ein Problem mit der Höhe der Hafenmauern und wenn wir länger bleiben müssen, wollen wir sicher liegen.

Gesamtstrecke: 5.86 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 3.29 knots
Gesamtzeit: 02:34:26

Im Hafen liegen bereits Saphir und Vasudeva, beide mit dem Heck nach Nordwest. Wir überlegen kurz und entscheiden uns dann für einen Platz auf der gegenüberliegenden Seite vom Steg – der Nordwest soll heftiger werden und den hätten wir dann lieber auf den Bug.

Lycka hat sich auch noch angekündigt und so wollen wir das Schild in der Box auf rot stellen, nur dort gibt es kein Schild… kurze Zeit später ist der Platz dann aber doch rot markiert – eine der Damen hat einen Slip umfunktioniert.

So haben wir am Nachmittag alle beisammen und der Sturm kann kommen.

Abends, kurz bevor wir mit Ike und Karin zu Abend essen und danach mit den anderen Krabben pulen, bauen wir noch unsere Kuchenbude auf – mittlerweile ein seltener Anblick.

Tag 19 – Im Auge des Sturms (26/VIII)

In der Nacht hat es ziemlich gepustet, aber alles ist heil und wir haben auch gut geschlafen. Leider regnet es seit den frühen Morgenstunden ohne Ende und so planen wir zusammen mit Lars und Martin nach Marstal zu fahren und dort das Søfartsmuseum zu besuchen.

Die Benutzung der Busse ist auf Ærø kostenlos und so sind wir schnell im Süden der Insel; schon bald drängen wir uns durch ein ziemlich volles Museum – es scheinen noch mehr Urlauber den selben Plan gehabt zu haben.

Nach einigen Stunden, am Ende haben wir sogar etwas abgekürzt, stehen wir wieder draußen und stellen fest, dass Regen und Wind aufgehört haben.

Bei schönster Sonne machen wir einen Spaziergang durch den Hafen, der Plan mit dem Hotdog scheitert aber an der Jahreszeit: Auch in Marstal ist schon Nachsaison und fast alles hat bis zum nächsten Frühjahr zu.

Mit dem Bus geht es zurück nach Ærøskøbing und während wir das Abendessen vorbereiten, kündigen dunkle Wolken die neue Front an.

Tag 20 – Auch Sturm ist schön (27/VIII)

Der Abend war noch ruhig, der Beginn der Nacht auch. Gegen 2Uhr werden wir dann fast aus der Koje geworfen, der Sturm ist da. Während Robbi seelenruhig weiter schläft, mache ich mir doch einige Sorgen um den alten Stoff der Kuchenbude, die gerade mächtig flattert und ächzt.

Ich bin aber nicht der einzige, der kurze Zeit später im Regen mit einem Licht über das Boot huscht, auch auf Songlines, Saphir, Vasudeva, Lycka und vielen anderen Booten sieht man den Schein von Taschenlampen.

Jetzt zeigt sich, dass wir genau richtig liegen: Der Wind, der in den Böen mit 10 Windstärken bläst, kommt genau von vorne – wir sind also sicher vertäut, drücken nicht gegen unsere Nachbarn und auch die Kuchenbude bietet eine minimale Angriffsfläche.

Trotzdem sind morgens alle ziemlich gerädert. Es hat im Hafen zwar kaum großartige Schäden gegeben, aber ruhig schlafen ist anders.

Das Frühstück ist also eher spät und danach machen wir uns mit Ike und Karin auf einen Spaziergang – wenn man sein Boot sicher weiß, bietet Sturm auch schöne Seiten.

Als wir von unserer Wanderung zurückkehren, ist der Wind merklich weniger geworden und Songlines verlässt gerade den Hafen. Kurz überlegen wir es ihnen gleich zu tun, dann sehen wir, wie hoch die Wellen an dem 12m Boot aufspritzen, und entscheiden uns fürs Bleiben.

Zusammen mit Ike&Karin, Benno&Eva und Anke&Christian planen wir den Abend – zusammen wollen wir noch einmal grillen.

Die beiden Grillhütten liegen gut geschützt und so wird es ein toller Abend, an dem alle Wackerballiger beschließen, am kommenden Tag Richtung Heimathafen zu segeln.

Tag 21 – Spielball der Wogen (28/VIII)

Heute gibt es kein Frühstück, mit einer Stulle auf der Hand verlassen wir schon vor 8 Uhr (aber anscheinend lange nach Lycka) Ærøskøbing und nehmen Kurs auf Wackerballig.

Der Wind soll aus östlichen Richtungen kommen und zum Nachmittag zulegen und auf West drehen, dann wollen wir nach Möglichkeit aber schon in der Geltinger Bucht sein.

Aufgrund der Prognose setzen wir lieber nur die Fock und bis zur Nordspitze von Ærø kommen wir auch super voran, dann lässt der Wind nach und es beginnt zu schaukeln. Nach einer halben Stunde überlegen wir das Groß zu setzen, dann kommen plötzlich erste Böen und wir sind über die kleine Segelfläche mehr als froh – Songlines ist zur gleichen Zeit südlich der Insel und hat Böen von 8 Bft.

Vor Gammel Pøl erwischt es uns dann aber richtig, trotz der prall gefüllten Fock und knapp 5 Knoten lassen uns die achterlichen Wellen wie einen Korken tanzen. Die abrupten Änderungen in der Krängung sorgen dafür, dass sich im Bug sogar gelaschte Gegenstände lösen – unter Deck entsteht ein veritables Chaos.

Aufgrund der hohen Wellen kürzen wir auch nicht über den Kalkgrund ab, sondern nehmen den längeren Weg um den Turm herum – 2 weitere Meilen Schaukelei. In der Bucht wird die Welle dann weniger und wir laufen einen schönen Anlieger bis Wackerballig.

Gesamtstrecke: 28.98 NM
Durchschnittsgeschwindigkeit: 4.36 knots
Gesamtzeit: 06:54:30

Merkwürdigerweise gibt es im Boot nur Chaos, nichts ist kaputt gegangen. So klaren wir schnell auf und dann erreicht uns auch schon die Nachricht aus Maasholm: Martin und Lars würden gerne den letzten Abend des Törns mit uns beschließen.

Während wir in Maasholm an Bord von Songlines sitzen und die Reste der Reise essen und trinken, geht in Wackerballig die Welt unter – wir bekommen nach unserer Rückkehr nur noch ein grandioses Wetterleuchten davon mit.

Tag 22 – Fulminanter Törnabschluss (29/VIII)

Die ganze Nacht über können wir aus Richtung Dänemark den Donner hören, am Morgen ist es dann aber wieder sonnig und schön.

Nachts hat der Wind auch endgültig auf West gedreht und so sind wir ganz froh, nicht noch einen Zwischenstopp eingelegt zu haben und erst heute nach Wackerballig zu segeln.

Bei bester Sonne werden alle Boote gesäubert, dann planen wir spontan einen Grillabend im Hafen – da darf Marco natürlich nicht fehlen!

Gemeinsam genießen wir den Abend auf der Terrasse des leider immer noch geschlossenen Wackerpulco, bis ein dunkles Wolkenband uns zu einem jähen Ende zwingt.

Der Nachtisch ist gerade beendet, da schaffen wir es eben noch rechtzeitig die Terrasse zu räumen, dann öffnet der Himmel seine Schleusen und unter dem Grollen des Donners prasselt der Regen hernieder – ein jähes aber durchaus passendes Ende für einen tollen Abend in diesem Sommer.

Tag 23 – Ab in den Süden (30/VIII)

Auf dem Rückweg nach Hamburg machen wir einen Abstecher zu meinem Vater in Kiel. Trotz des tollen Urlaubs fällt uns der Abschied von Wackerballig nicht allzu schwer, denn Bucht und Hafen liegen in einem trüben Grau und schwere Tropfen fallen auf unser Kajütdach.

Wir haben am Vortag schon alles für die Abreise vorbereitet, und so sitzen wir schon bald im Auto und verabschieden uns für eine Woche von Wackerballig.

Der Sommertörn 2020 war anders als alle anderen Törns der letzten 25 Jahre und er war super schön!

Wir segeln ja oft mit anderen Booten oder in kleinen Flottillen zusammen, aber die vielen ungeplanten, und wahrscheinlich gerade dadurch von allen so willkommenen, Treffen waren einfach toll. Ich denke, dass die aktuelle Corona-Lage ihr übriges dazu beigetragen hat: Wir alle freuen uns über Sozialkontakte, über das Treffen mit unseren Freunden, haben diese aber in den letzten Wochen stark zurückgefahren. Und jetzt hatten wir drei Wochen Zeit, um wieder etwas Normalität einkehren zu lassen.